 |
| Mit Sasha Grey auf dem Weg nach Prizren |
 |
| Amselöl |
Der überwiegende Teil der Kosovaren gehört dem muslimischen
Glauben an und verfolgt diesen deutlich strenger als im Nachbarland Albanien. Während
in Albanien der Kommunismus seine Spuren hinterlassen hat, war die Religion im
Kosovo Teil der Abgrenzungsidentität zur serbischen Übermacht, die das
Amselfeld historisch für sich beansprucht. Was könnte da besser passen, als mit
einem einstigen Pornostar auf dem T-Shirt – mittlerweile seriöse
Schauspielerin! – und der Unterschrift Current 69 durch die Region zu trampen. Das
Bild stammt aus Litauen von einer Zeichnerin, namens
Shaltmira. Die 69 unter
dem zerfließenden Gesicht Sasha Greys macht wiederum keinen Sinn. Ich habe sie
in allen nur erdenklichen Positionen und Konstellationen und was auch immer
sehen dürfen. Aber 69 ist dann doch etwas zu romantisch für ihr Genre.
Mit ihrem Konterfeit kommt man erstaunlich gut von der
Stelle. Die Taxifahrt an die Randbezirke von Prishtina erspare ich mir lieber. Die
würde ca. 2 Euro kosten und damit nur halb so viel wie der Bus nach Prizren. Trampen
muss trotzdem sein. Vorbei an der NATO-Straße und am Bill-Clinton-Monument geht
es bis zur nächsten Tankstelle, von wo aus mich der erste korpulente Mann bis
zu einem kontrollpunktartigen Ort im Landesinneren bringt. Ich warte auf die KFOR-Karossen
und die EULEX-Jeeps. Die kommen auch, doch sie halten nicht an. Insgeheim
scheint jeder die beiden Truppenverbände zu hassen. Insgeheim? Ziemlich offen
sogar: Junge, arbeitslose, gut ausgebildete Kosovaren beschweren sich darüber,
dass sie nicht an die Verwaltung gelassen werden und stattdessen EU-Leute das
Land regieren.
Einige Minuten später – noch mehr Korpulenz. Aus
irgendwelchen Gründen nehmen mich im Kosovo nur dicke Männer mittleren Alters
mit, was…und jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, natürlich mit
meinem T-Shirt zu tun hat. Sie schauen gar nicht auf mich oder auf meinen
Schriftzug, sondern haben einzig und allein das Mädchen auf meiner Brust im
Auge, machen eine Vollbremsung, reißen die Tür auf und dann ist es schon zu
spät. Einsteigend und den Gedanken auf der Zunge zergehen lassend, kann ich
mich eines Lächelns nicht erwehren. Das Land ist doch nicht so streng wie ich
dachte: Internet und Pornokultur florieren auch hier. Der Besitzer des
Hostels,
in dem ich die nächste Nacht verbringen soll, bestätigt mir diese Vermutung. Er
ist ein sehr aktiver Nutzer diverser Seiten und trinkt obendrein sehr viel –
stößt aber nur an, wenn der Gebetsgesang ertönt.
 |
| Traditionelles Albanisches Haus |
Gegen Abend ist es wieder so weit. Die gesamte Stadt Prizren
hüllt sich in Muezzin-Klänge und er – nennen wir ihn Bojan, da ich seinen Namen
vollends vergessen habe – holt bereits einen Sixpack mit frischem Dosenbier
heraus, um es an seine Gäste zu verteilen. Sein ökonomisches Konzept ist höchst
zweifelhaft. Zunächst verlangt er 11 Euro pro Nacht und liegt dabei weit unter
den Preisen der Konkurrenz – anschließend kauft er seinen Gästen Bier in genau
demselben Gegenwert. Beim dritten Gerstensaft klagt er dann, über die finanzielle
Lage seines Hauses. Im Winter müsse er bereits höhere Preise verlangen, da
keiner
kommt – was, hallo hallo: keinen
Sinn macht. Warum erhöht er denn im Sommer nicht die Preise, meine ich. Und er:
Ach, naja, trink mal noch ein Bier. Die Stromkosten des zweimal am Tag nicht
fließenden Stroms seien selbstverständlich auch ein Problem und wenn die Stadt
herausbekommt, dass er illegal zwei Stockwerke auf sein ursprüngliches Wohnhaus
drauf gesetzt hat, dann ist sowieso alles vorbei. Nicht zu schweigen von den unerlaubt
angebrachten Hinweistafeln, die auch mich zum
City Hostel Prizren lockten (Und
jetzt kann er nur hoffen, dass die Prizrener Stadtverwaltung nicht mitliest).
Kurzum: Haus und Besitzer sind an der Grenze zur Legalität
genial. Er bringt seine Gäste sogar ins Zentrum zu seinen liebsten Kneipen und
lässt es sich selbstredend auch dort nicht nehmen, alles zu bezahlen. Am Ende
lässt er mich und zwei Portugiesen sturzbetrunken mit seinem Computer und der
Kasse allein. Ein seltsamer Kerl – aber zu funktionieren scheint es ja. Vor
einem Jahr, berichtet er stolz, bevor er zum Ausgang torkelt, habe er das legendäre
Balkan Mafia Meeting in seinem Haus gehabt. Hunderte Reisende aus aller Welt
und vor allem vom Balkan, die ein ausschweifendes Fest feiern. Und…und sich
natürlich die Stadt ansehen. Stadtansichten, ja richtig – die hätte ich fast
vergessen. Überhaupt nicht zu vergessen nämlich der Klassiker aller
Provokationen in Prizren: „Entschuldigen Sie, wo sind denn hier das serbische
Viertel und die Muttergotteskathedrale?“ Augenbrauen zucken nervös und tief aus
dem Rachen kommt ein Raunen hervor. Ein Blick auf Sasha, dann zurück in mein
Gesicht. „Unter der Burg!“
 |
| Traditionelles Serbisches Haus |
„Unter der Burg!“ heißt: Unter der prächtig erhaltenen Mauer, die verdeckt,
dass hinter ihr nur Brachland ist. Außerdem lenkt sie hervorragend davon ab,
dass von dem serbischen Viertel nur noch Ruinen geblieben und man die mit
Stacheldraht gesicherte christliche Kirche nur auf Genehmigung des
Polizeipräsidenten betreten darf, weil sie sonst schlicht und ergreifend in
Flammen aufgehen würde. Letztlich ist es ja nur eine alte Tradition: Von Zeit
zu Zeit brennt man einfach die Häuser seiner Nachbarn nieder – und die machen
im Gegenzug dasselbe, bis nichts mehr an Ort und Stelle steht. 2004 hatte es
dabei auch das Erzengelkloster aus dem 14. Jahrhundert erwischt. 600 Jahre
waren aber auch wirklich mehr als genug.
 |
| Hinter den Burgmauern |
 |
| Letzte orthodoxe Bastion |
  |
| Die Hauptmoschee in Prizren und ein ziemlich seltsam geformtes Haus |
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen