Dienstag, 30. April 2013

Provokation 14: Ich und Sasha Grey trampen nach Prizren


Mit Sasha Grey auf dem Weg nach Prizren


Amselöl

Der überwiegende Teil der Kosovaren gehört dem muslimischen Glauben an und verfolgt diesen deutlich strenger als im Nachbarland Albanien. Während in Albanien der Kommunismus seine Spuren hinterlassen hat, war die Religion im Kosovo Teil der Abgrenzungsidentität zur serbischen Übermacht, die das Amselfeld historisch für sich beansprucht. Was könnte da besser passen, als mit einem einstigen Pornostar auf dem T-Shirt – mittlerweile seriöse Schauspielerin! – und der Unterschrift Current 69 durch die Region zu trampen. Das Bild stammt aus Litauen von einer Zeichnerin, namens Shaltmira. Die 69 unter dem zerfließenden Gesicht Sasha Greys macht wiederum keinen Sinn. Ich habe sie in allen nur erdenklichen Positionen und Konstellationen und was auch immer sehen dürfen. Aber 69 ist dann doch etwas zu romantisch für ihr Genre.

Mit ihrem Konterfeit kommt man erstaunlich gut von der Stelle. Die Taxifahrt an die Randbezirke von Prishtina erspare ich mir lieber. Die würde ca. 2 Euro kosten und damit nur halb so viel wie der Bus nach Prizren. Trampen muss trotzdem sein. Vorbei an der NATO-Straße und am Bill-Clinton-Monument geht es bis zur nächsten Tankstelle, von wo aus mich der erste korpulente Mann bis zu einem kontrollpunktartigen Ort im Landesinneren bringt. Ich warte auf die KFOR-Karossen und die EULEX-Jeeps. Die kommen auch, doch sie halten nicht an. Insgeheim scheint jeder die beiden Truppenverbände zu hassen. Insgeheim? Ziemlich offen sogar: Junge, arbeitslose, gut ausgebildete Kosovaren beschweren sich darüber, dass sie nicht an die Verwaltung gelassen werden und stattdessen EU-Leute das Land regieren.

Einige Minuten später – noch mehr Korpulenz. Aus irgendwelchen Gründen nehmen mich im Kosovo nur dicke Männer mittleren Alters mit, was…und jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, natürlich mit meinem T-Shirt zu tun hat. Sie schauen gar nicht auf mich oder auf meinen Schriftzug, sondern haben einzig und allein das Mädchen auf meiner Brust im Auge, machen eine Vollbremsung, reißen die Tür auf und dann ist es schon zu spät. Einsteigend und den Gedanken auf der Zunge zergehen lassend, kann ich mich eines Lächelns nicht erwehren. Das Land ist doch nicht so streng wie ich dachte: Internet und Pornokultur florieren auch hier. Der Besitzer des Hostels, in dem ich die nächste Nacht verbringen soll, bestätigt mir diese Vermutung. Er ist ein sehr aktiver Nutzer diverser Seiten und trinkt obendrein sehr viel – stößt aber nur an, wenn der Gebetsgesang ertönt.

Traditionelles Albanisches Haus
Gegen Abend ist es wieder so weit. Die gesamte Stadt Prizren hüllt sich in Muezzin-Klänge und er – nennen wir ihn Bojan, da ich seinen Namen vollends vergessen habe – holt bereits einen Sixpack mit frischem Dosenbier heraus, um es an seine Gäste zu verteilen. Sein ökonomisches Konzept ist höchst zweifelhaft. Zunächst verlangt er 11 Euro pro Nacht und liegt dabei weit unter den Preisen der Konkurrenz – anschließend kauft er seinen Gästen Bier in genau demselben Gegenwert. Beim dritten Gerstensaft klagt er dann, über die finanzielle Lage seines Hauses. Im Winter müsse er bereits höhere Preise verlangen, da keiner  kommt – was, hallo hallo: keinen Sinn macht. Warum erhöht er denn im Sommer nicht die Preise, meine ich. Und er: Ach, naja, trink mal noch ein Bier. Die Stromkosten des zweimal am Tag nicht fließenden Stroms seien selbstverständlich auch ein Problem und wenn die Stadt herausbekommt, dass er illegal zwei Stockwerke auf sein ursprüngliches Wohnhaus drauf gesetzt hat, dann ist sowieso alles vorbei. Nicht zu schweigen von den unerlaubt angebrachten Hinweistafeln, die auch mich zum City Hostel Prizren lockten (Und jetzt kann er nur hoffen, dass die Prizrener Stadtverwaltung nicht mitliest).

Kurzum: Haus und Besitzer sind an der Grenze zur Legalität genial. Er bringt seine Gäste sogar ins Zentrum zu seinen liebsten Kneipen und lässt es sich selbstredend auch dort nicht nehmen, alles zu bezahlen. Am Ende lässt er mich und zwei Portugiesen sturzbetrunken mit seinem Computer und der Kasse allein. Ein seltsamer Kerl – aber zu funktionieren scheint es ja. Vor einem Jahr, berichtet er stolz, bevor er zum Ausgang torkelt, habe er das legendäre Balkan Mafia Meeting in seinem Haus gehabt. Hunderte Reisende aus aller Welt und vor allem vom Balkan, die ein ausschweifendes Fest feiern. Und…und sich natürlich die Stadt ansehen. Stadtansichten, ja richtig – die hätte ich fast vergessen. Überhaupt nicht zu vergessen nämlich der Klassiker aller Provokationen in Prizren: „Entschuldigen Sie, wo sind denn hier das serbische Viertel und die Muttergotteskathedrale?“ Augenbrauen zucken nervös und tief aus dem Rachen kommt ein Raunen hervor. Ein Blick auf Sasha, dann zurück in mein Gesicht. „Unter der Burg!“



Traditionelles Serbisches Haus
„Unter der Burg!“ heißt: Unter der prächtig erhaltenen Mauer, die verdeckt, dass hinter ihr nur Brachland ist. Außerdem lenkt sie hervorragend davon ab, dass von dem serbischen Viertel nur noch Ruinen geblieben und man die mit Stacheldraht gesicherte christliche Kirche nur auf Genehmigung des Polizeipräsidenten betreten darf, weil sie sonst schlicht und ergreifend in Flammen aufgehen würde. Letztlich ist es ja nur eine alte Tradition: Von Zeit zu Zeit brennt man einfach die Häuser seiner Nachbarn nieder – und die machen im Gegenzug dasselbe, bis nichts mehr an Ort und Stelle steht. 2004 hatte es dabei auch das Erzengelkloster aus dem 14. Jahrhundert erwischt. 600 Jahre waren aber auch wirklich mehr als genug.  



Hinter den Burgmauern

Letzte orthodoxe Bastion
Die Hauptmoschee in Prizren und ein ziemlich seltsam geformtes Haus

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