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| Holländisch-mazedonische Familie in Resen |
Gleich die erste Fahrt aus Bitola hinaus bringt mich nach
Resen auf halbem Weg nach Ohrid – wohl sogar ein bisschen weiter. Die Frau am
Steuer spricht perfekt Deutsch – sei in Bayern aufgewachsen und habe dann als
Krankenschwester an der deutsch-holländischen Grenze gearbeitet. Ihr Mann kommt
auch von dort. Ein Holländer, der gar kein richtiges Holländisch kann, sondern
nur in einer Art Dialekt spricht. In Kanada groß geworden hatte er wohl nie etwas
anderes als die Mundart der Eltern gelernt und kehrte anschließend als
Metallarbeiter in deren Heimatregion in der Nähe von Deutschland zurück. Irgendwann
reichte es ihm mit den schmalen Verdiensten und den hohen Preisen: Mit seiner
Angetrauten und den Kindern ging er vor 10 Jahren nach Mazedonien und macht
hier Business – steuerfrei und semi-legal.
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| Der Apfel von Resen |
Die Fahrerin ist überzeugt davon, dass ich mir die Werkstatt
anschauen muss – bringt mich zuvor noch zu einem nahegelegenen See, in die
Innenstadt von Resen und zu den unendlich weiten Apfelplantagen – Resen ist die
Apfelhauptstadt Europas: Dem Kernobst ist sogar ein eigenes Denkmal im Zentrum
gewidmet. Mit schmutzigen Händen begrüßt mich ihr Ehemann und lädt mich
unmittelbar zu sich nach Hause ein. Wenn du Zeit hast, komm zu uns – bleib die
Nacht hier. Das Haus ist in der Tat faszinierend. Oben in den Bergen, nur über
einen kleinen Dreckpfad zu erreichen – ein mondänes Anwesen mit spektakulärer
Terrasse, die direkt auf die Berge und den See blickt. Rund um Natur:
Jagdgebiete zum lustigen Erschießen von Wildschweinen und Bären. Schildkröten
am Wegesrand – ich überlege mir eine der Babyexemplare mitzunehmen, habe aber
Angst, dass es plötzlich in meiner Hosentasche überdimensional wächst und ich
entblößt am nächsten Grenzübergang dastehe. Ein Naturparadies wie gesagt, in
dem auch ich glücklich werden könnte. Das Nachbarhaus ist frei und steht für
10.000 Euro zum Verkauf. Am Abendbrottisch diskutiere ich, träume ein bisschen –
und verunsichere natürlich gezielt die Anwesenden: Wenn man nun – eine ganz
einfache Überlegung – dieses Haus kaufen und zum Mega-Hotel für Massentourismus
umbauen würde, hätte man doch die beste Möglichkeit Geld zu scheffeln und dieses
Naturparadies ein für allemal zu zerstören. Ich erkläre das sehr detailliert
und beschreibe wie vorteilhaft es wäre, diese Ressource dazu zu verwenden, um
meinen exzessiven Lebensstil als Kapitalist in Deutschland zu finanzieren. Rock’n’Roll
und üppige Büffets, große Häuser und Party jeden Tag – alles auf Kosten der
mazedonischen Dorfbewohner und der Natur. Die Verständnislosigkeit und das
Kopfschütteln, die mir entgegen gebracht werden, verstehe ich wiederum nicht
und führe meine Pläne weiter und weiter aus. Von unterbezahlten mazedonischen
Beschäftigten, die dann noch über ihren mickrigen Verdienst froh sein können. Um
Arbeitsschutz würde ich mich selbstverständlich auch nicht kümmern und darüber
hinaus nur Sauftouristen in die Region locken, die sich einen Dreck über die
religiösen Gefühle der Einheimischen scheren. Die Wälder werden planiert und in
Golfparks verwandelt. Die Schildkröten in den Zoo geschickt und die Bären zum
Tanzen gezwungen. Der Rest der Dorfbevölkerung spielt mazedonische Musik und
macht so, als wenn sie besonders gastfreundlich wären – ihr aufgesetztes
Lächeln können Sie dann erst nach Ihrem 15-Stunden-Tag in ihren eigenen vier
Wänden ablegen. Ich sehe, wie der Angstschweiß auf den Stirnen meiner Gastgeber
herunter tropft. Sie argumentieren mit christlicher Nächstenliebe gegenüber der
Natur – ich mit kapitalistischen Überlebensprinzipien. Ich bleibe zynisch, was
vor allem die Ehefrau in Rage bringt.
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| Blick von der Terrasse |
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| Landschaft |
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| Prespa-See - wird das neue Zentrum des Massentourismus |
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| Die Sonnenschirme sind schon aufgespannt |
Die anderen sehen es locker – die 16jährige Tochter schaut
ignorant auf den Tisch und geht sich umziehen, um in der Metropole Resen zu
feiern. Wie sie zurückkommen will, frage ich mich – über den Dreckpfad? Unser
allgemeines Gespräch wird für beendet erklärt – ich schlage mir das letzte
Fleischröllchen mazedonischer Art unter den Nagel - das letzte, das den Gastgebern nicht im
Halse stecken geblieben ist. Der Rest der Familie geht schlafen. Am nächsten
Tag finden wir die Stöckelschuhe der Tochter mitten im Dreck vor der Auffahrtsstraße liegen – so ist sie heimgekehrt – kriechend durch das
Naturparadies, von Schildkröten überwältigt womöglich. Immerhin hat sie es
geschafft und ist auch bei meiner
Abfahrt dabei, verwirrt und zerzecht natürlich, wie sich das für blutjunge 16
gehört. Mit herzlichen Umarmungen und Gottes Segen verabschiedet mich ihre
Mutter. I’m off – zurück auf der Straße nach Ohrid.
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