Dienstag, 23. April 2013

Provokation 9: Im Epizentrum des Apfels – Naturparadies in eine Touristenfalle verwandeln



Holländisch-mazedonische Familie in Resen
Gleich die erste Fahrt aus Bitola hinaus bringt mich nach Resen auf halbem Weg nach Ohrid – wohl sogar ein bisschen weiter. Die Frau am Steuer spricht perfekt Deutsch – sei in Bayern aufgewachsen und habe dann als Krankenschwester an der deutsch-holländischen Grenze gearbeitet. Ihr Mann kommt auch von dort. Ein Holländer, der gar kein richtiges Holländisch kann, sondern nur in einer Art Dialekt spricht. In Kanada groß geworden hatte er wohl nie etwas anderes als die Mundart der Eltern gelernt und kehrte anschließend als Metallarbeiter in deren Heimatregion in der Nähe von Deutschland zurück. Irgendwann reichte es ihm mit den schmalen Verdiensten und den hohen Preisen: Mit seiner Angetrauten und den Kindern ging er vor 10 Jahren nach Mazedonien und macht hier Business – steuerfrei und semi-legal. 

Der Apfel von Resen
Die Fahrerin ist überzeugt davon, dass ich mir die Werkstatt anschauen muss – bringt mich zuvor noch zu einem nahegelegenen See, in die Innenstadt von Resen und zu den unendlich weiten Apfelplantagen – Resen ist die Apfelhauptstadt Europas: Dem Kernobst ist sogar ein eigenes Denkmal im Zentrum gewidmet. Mit schmutzigen Händen begrüßt mich ihr Ehemann und lädt mich unmittelbar zu sich nach Hause ein. Wenn du Zeit hast, komm zu uns – bleib die Nacht hier. Das Haus ist in der Tat faszinierend. Oben in den Bergen, nur über einen kleinen Dreckpfad zu erreichen – ein mondänes Anwesen mit spektakulärer Terrasse, die direkt auf die Berge und den See blickt. Rund um Natur: Jagdgebiete zum lustigen Erschießen von Wildschweinen und Bären. Schildkröten am Wegesrand – ich überlege mir eine der Babyexemplare mitzunehmen, habe aber Angst, dass es plötzlich in meiner Hosentasche überdimensional wächst und ich entblößt am nächsten Grenzübergang dastehe. Ein Naturparadies wie gesagt, in dem auch ich glücklich werden könnte. Das Nachbarhaus ist frei und steht für 10.000 Euro zum Verkauf. Am Abendbrottisch diskutiere ich, träume ein bisschen – und verunsichere natürlich gezielt die Anwesenden: Wenn man nun – eine ganz einfache Überlegung – dieses Haus kaufen und zum Mega-Hotel für Massentourismus umbauen würde, hätte man doch die beste Möglichkeit Geld zu scheffeln und dieses Naturparadies ein für allemal zu zerstören. Ich erkläre das sehr detailliert und beschreibe wie vorteilhaft es wäre, diese Ressource dazu zu verwenden, um meinen exzessiven Lebensstil als Kapitalist in Deutschland zu finanzieren. Rock’n’Roll und üppige Büffets, große Häuser und Party jeden Tag – alles auf Kosten der mazedonischen Dorfbewohner und der Natur. Die Verständnislosigkeit und das Kopfschütteln, die mir entgegen gebracht werden, verstehe ich wiederum nicht und führe meine Pläne weiter und weiter aus. Von unterbezahlten mazedonischen Beschäftigten, die dann noch über ihren mickrigen Verdienst froh sein können. Um Arbeitsschutz würde ich mich selbstverständlich auch nicht kümmern und darüber hinaus nur Sauftouristen in die Region locken, die sich einen Dreck über die religiösen Gefühle der Einheimischen scheren. Die Wälder werden planiert und in Golfparks verwandelt. Die Schildkröten in den Zoo geschickt und die Bären zum Tanzen gezwungen. Der Rest der Dorfbevölkerung spielt mazedonische Musik und macht so, als wenn sie besonders gastfreundlich wären – ihr aufgesetztes Lächeln können Sie dann erst nach Ihrem 15-Stunden-Tag in ihren eigenen vier Wänden ablegen. Ich sehe, wie der Angstschweiß auf den Stirnen meiner Gastgeber herunter tropft. Sie argumentieren mit christlicher Nächstenliebe gegenüber der Natur – ich mit kapitalistischen Überlebensprinzipien. Ich bleibe zynisch, was vor allem die Ehefrau in Rage bringt.


Blick von der Terrasse

Landschaft
Prespa-See - wird das neue Zentrum des Massentourismus
Die Sonnenschirme sind schon aufgespannt
Die anderen sehen es locker – die 16jährige Tochter schaut ignorant auf den Tisch und geht sich umziehen, um in der Metropole Resen zu feiern. Wie sie zurückkommen will, frage ich mich – über den Dreckpfad? Unser allgemeines Gespräch wird für beendet erklärt – ich schlage mir das letzte Fleischröllchen mazedonischer Art unter den Nagel  - das letzte, das den Gastgebern nicht im Halse stecken geblieben ist. Der Rest der Familie geht schlafen. Am nächsten Tag finden wir die Stöckelschuhe der Tochter mitten im Dreck vor der Auffahrtsstraße liegen – so ist sie heimgekehrt – kriechend durch das Naturparadies, von Schildkröten überwältigt womöglich. Immerhin hat sie es geschafft und  ist auch bei meiner Abfahrt dabei, verwirrt und zerzecht natürlich, wie sich das für blutjunge 16 gehört. Mit herzlichen Umarmungen und Gottes Segen verabschiedet mich ihre Mutter. I’m off – zurück auf der Straße nach Ohrid.  

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