Faulheit ist ein hohes Gut in Montenegro. Das Image der immerhin körpergrößten Nation auf dem Balkan (man besteht darauf, dass ich das erwähnen: Montenegro habe sich nie von den Türken überwältigen lassen und sich stattdessen hinter den Festungsmauern von Cetinje verbarrikadiert – so seien sie genetisch rein und eben höchst hochwüchsig geblieben…usw. usf. – die einen erwähnen das mit sehr nationalistischen Untertönen, die andern zwinkern mit den Augen)…
…Das Image also, wollte ich sagen, ist längst keine oberflächliche Einschätzung von mir oder verfeindeten Balkanvölkern. Jeder Einheimische der Hauptstadt Podgorica, ob jung oder alt, bestätigt mir das: „Alles faule Säcke“ – die Jugend im Speziellen, betonen sie.
Erklärungsansätze gibt es zahlreiche: Während die „Monteniggers“ im Hintergrund spielen (Die wohl legendärste Hip-Hop-Band des Landes – eigentlich in den 90ern bekannt geworden, aber immer noch beliebt), erzählt mir der 23-jährige Stefan in seiner Plattenbauwohnung, dass Montenegriner eigentlich alles Philosophen sind. Man möchte ja, gerade wenn man unter 30 ist, aktiv sein, etwas machen, Firmen gründen, sich politisch betätigen, doch just dann, wenn man aufsteht und selbiges angehen möchte, kommen einem Gedanken: Warum gibt es keine Baby-Tauben? Wer hat zuerst an einem Kuheuter gesaugt und somit Milch für Menschen nutzbar gemacht?
Dies sagend, verstummt er wieder – denkend und denkend und denkend. Unter diesen Voraussetzungen geht alles sehr langsam: Meine Wäsche hängt nach der grausamen Regennacht an der Leine, meine Schuhe trockne ich mit dem Föhn und mein Gastgeber spielte irgendwas von den Monteniggers auf der Gitarre. Nach einigen Stunden in diesem Modus, geht es nach draußen. Freunde treffen. Am Stadion vorbeilaufen. Passenderweise über die sündhafte Hooligan-Vergangenheit der gesamten Gruppe reden – irgendwann war man ja doch mal aktiv. Und dann wieder Tauben und Bier.
Das Ganze verlagerte sich natürlich – von der Stadionbar zur hippen Bar Berlin, die mit Berlin ganz und gar nichts zu tun hat, aber in Podgorica immer noch der coolste Ort zum Ausgehen ist, zum Internetcafé, zur nächsten Bar, zum Internetcafé. „Wir machen ja sonst nichts“, meinen sie. „Wir sind die faulste Nation auf dem Balkan. Wenn du jemanden unter 30 siehst, der arbeitet, ist der bestimmt nicht aus Montenegro.“ Sprüche dieser Art wiederholen sich und entsprechend schwer ist es auch zu provozieren. Sie geben ja sowieso alles zu – warum sich also Mühe geben.
Sie gestehen in dieser entspannten Atmosphäre sogar ein, dass Montenegro erst vor Kurzem den Krieg mit Japan beendet hat. „Mit Japan“, frage ich? „Ja natürlich“, sagen sie. „Über einhundert Jahre dauerte der brutale Kampf mit dem asiatischen Kaiserreich, doch endlich konnte man einen friedlichen Schlussstrich unter den Waffengang setzen.“ Den Internetzugang vor der Nase, google ich das nach. Und es stimmt: 1904 brach der Krieg zwischen Russland und Japan aus und der montenegrinische Fürst Nikola I. erklärte sich als slawischer Bündnispartner solidarisch. Den Japanern wurde der Krieg erklärt – obgleich nicht im Besitz einer Flotte, geschweige denn einer wirklich nennenswerten Armee seiend.
Im Friedensvertrag nicht genannt, blieben die beiden Parteien 102 Jahre lang im Kriegszustand (ein nationales Schlüsselerlebnis sozusagen), der 2006 offiziell von Japans Vize-Außenminister Akiko Yamanaka und Premier Milo Dukanovic mit kräftigem Händedruck für beendet erklärt wurde. Die in Montenegro lebende japanische Gemeinschaft – nach Schätzungen von 2009 wohl elf japanische Staatsbürger – genieße auf Grundlage dessen nun höchsten Schutz im Balkanland und werden nicht mehr bei jeder Gelegenheit gelyncht. Beziehungen wurden aufgebaut und der Handel angekurbelt – Japans Exportschlager in Montenegro sind übrigens Drucker und Pumps.
Unbemerkt von mir, befand sich übrigens noch ein Deutscher im Raum des Untergrundinternetcafés, der mit mir ausgerechnet zur selben Zeit am Telefon sprach – ich allerdings von der Toilette aus, um Ruhe bei der Kommunikation zu finden und er vom hintersten PC des Saals. Als wir uns letztlich zehn Minuten später an anderem Ort verabredeter Weise trafen, war die Überraschung genau darüber groß.
Kennengelernt hatte ich den Journalisten einige Tage zuvor in Tirana, als wir kurzzeitig in ein und derselben Wohnung hausten. Bei einem Gespräch über Rakija und Čevapčiči ergaben sich verblüffende Gemeinsamkeiten – in Moskauer Redaktionen kostenlos gearbeitet, den Kosovo bereist und natürlich auch Transnistrien – Orte an die sonst niemand fährt. Letzten Endes verschaffe ich ihm auch noch die Übernachtung bei den nun immer zahlreicher werdenden einheimischen Freunden, die unterdessen natürlich nichts weiter machen, als über minderjährige Tauben zu reden und Bier zu trinken. Im Übrigen das schmackhafteste auf dem Balkan – Nikšićko. Vielleicht auch nur wegen dem niedlich klingenden Namen lecker.
Sonst passiert natürlich nicht viel – feiern an unterschiedlichen Orten und hoffen auf trockene Wäsche. Was hätte man sonst auch machen sollen. Nicht, dass es in Montenegro nichts zu sehen gibt – aber auf Podgorica im Speziellen trifft das schon zu. Die übermoderne Milleniumsbrücke wirkt dabei vollkommen deplatziert, wenn man sich all die kommunistischen Blöcke, Brutalismus in Reinform und überhaupt massenweise Beton im einstigen Titograd ansieht. Selbst der Mittelpunkt der Stadt – der Platz der Republik und die Hercegovačka-Straße – außer billigen Fleischbuden und einigen Shops, einfach nichts. Faule Säcke halt - nach sieben Jahren Unabhängigkeit noch nichts aufgebaut :P
















