Die Wirtschaftskrise und die Eurorettungsschirme haben irgendwie eine seltsam negative Stimmung in Griechenland hinterlassen. Während in allen Ländern Europas die politische Kultur den Bach hinunter geht, ist die Jugend hier durch und durch politisiert. Alle älteren Menschen selbstverständlich auch. Ich komme also an, in einem kleinen Vorort von Athen – hoch in den Bergen mit Blick auf die hügelreiche Stadt. Erste, zweite und dritte Frage aller Menschen, die ich treffe: Was denkt man in Deutschland über die Griechen?
Ich bin immer dafür zu haben, den Menschen das zu sagen, was Sie hören möchten. Also erzähle ich, dass die deutschen Medien unterschwellig von Faulheit und oberschwellig von Undankbarkeit sprechen. Und natürlich, dass Griechenland sich mal anstrengen solle, die Wirtschaft in Schwung zu bekommen, um alle alle alle Schulden abzuarbeiten. Schließlich haben wir die EU ja nicht umsonst gegründet und nutzen Sie jetzt idealerweise, um eine ökonomische Hegemonie aufzubauen.
Seltsamerweise sieht das wie eine wirtschaftliche Kopie des attischen Seebundes aus. Das sage ich natürlich auch, wenn man sich über Deutschland beschwert. So in der Art, wie: Aber Athen hat doch damals…in der Antike und so. Unter dem Vorwand der Verteidigung gegen die Perser den Seebund gegründet und seine militärische wie politische Stärke dazu ausgenutzt, um alle anderen Bündnispartner von sich abhängig zu machen. Das macht Deutschland jetzt halt auch – nach attischem Vorbild. Kein deutscher Fehler also.
Das kommt irgendwie nicht gut an. Und dann noch diese Beschwerden über die alten Bullyparaden-Witze mit Rick Kavanian als griechischem Reporter, der die ganze Zeit Hellas, statt Hallo sagt und literweise Ouzo trinkt. Der gute Mann hat immerhin den Ouzo-Umsatz in der Bevölkerung unter 18 Jahren erheblich angekurbelt, sage ich, als wir in einer kleinen Rockbar außerhalb des Zentrums sitzen und ein Fix-Bier nach dem anderen hinunterkippen. In der Nähe befindet sich die alte bayerische Siedlung: Einwanderer, die zusammen mit dem bayerischen Fürsten Otto I. 1821 nach Athen gekommen sind, um König und Hofstaat zu werden.
Ich treibe die Provokation weiter, und behaupte frei heraus – was nicht einmal ganz falsch ist -, dass die griechische Flagge der bayerischen entspringt: Die Farben habe Otto I. mitgebracht und sie wurden nach seiner erzwungenen Absetzung beibehalten. Anschließend muss auch noch das Bier dran glauben – Fix, die Flasche, die ich gerade in der Hand halte, sei doch bestimmt auch von einem deutschen gebraut wurden. Und tatsächlich ist es so – in der bayerischen Siedlung von einem gewissen Herrn Fix entwickelt und erfunden.
Plötzlich verebbt das Gespräch. Keiner sagt mehr was und wir fahren nach Hause. Ich wundere mich nur, was ich falsch gemacht habe. Morgen gehe ich lieber mal entspannt auf die Akropolis und schaue mir Museen an. Ganz gesittet.
Meine Forschungsreise beginnt in Athen, wo ich erstmals mit gezielten Provokationen mein Glück herausfordern möchte. Ziel ist es insbesondere nationale und regionale Ehrgefühle zu verletzen, um diverse Reaktionen zu verursachen und stereotype Denkweisen wie überzogenes Nationalgefühl zu entlarven. Teile der Erzählung sind selbstverständlich frei erfunden – manche aber auch nicht. Dies soll der Verschleierung unangenehmer Wahrheiten und der Verwahrheitung angenehmer Lügen dienen.