Dienstag, 7. Mai 2013

Provokation 16: 102 Jahre Krieg mit Japan

Faulheit ist ein hohes Gut in Montenegro. Das Image der immerhin körpergrößten Nation auf dem Balkan (man besteht darauf, dass ich das erwähnen: Montenegro habe sich nie von den Türken überwältigen lassen und sich stattdessen hinter den Festungsmauern von Cetinje verbarrikadiert – so seien sie genetisch rein und eben höchst hochwüchsig geblieben…usw. usf. – die einen erwähnen das mit sehr nationalistischen Untertönen, die andern zwinkern mit den Augen)…

…Das Image also, wollte ich sagen, ist längst keine oberflächliche Einschätzung von mir oder verfeindeten Balkanvölkern. Jeder Einheimische der Hauptstadt Podgorica, ob jung oder alt, bestätigt mir das: „Alles faule Säcke“ – die Jugend im Speziellen, betonen sie. 

Erklärungsansätze gibt es zahlreiche: Während die „Monteniggers“ im Hintergrund spielen (Die wohl legendärste Hip-Hop-Band des Landes – eigentlich in den 90ern bekannt geworden, aber immer noch beliebt), erzählt mir der 23-jährige Stefan in seiner Plattenbauwohnung, dass Montenegriner eigentlich alles Philosophen sind. Man möchte ja, gerade wenn man unter 30 ist, aktiv sein, etwas machen, Firmen gründen, sich politisch betätigen, doch just dann, wenn man aufsteht und selbiges angehen möchte, kommen einem Gedanken: Warum gibt es keine Baby-Tauben? Wer hat zuerst an einem Kuheuter gesaugt und somit Milch für Menschen nutzbar gemacht?



Dies sagend, verstummt er wieder – denkend und denkend und denkend. Unter diesen Voraussetzungen geht alles sehr langsam: Meine Wäsche hängt nach der grausamen Regennacht an der Leine, meine Schuhe trockne ich mit dem Föhn und mein Gastgeber spielte irgendwas von den Monteniggers auf der Gitarre. Nach einigen Stunden in diesem Modus, geht es nach draußen. Freunde treffen. Am Stadion vorbeilaufen. Passenderweise über die sündhafte Hooligan-Vergangenheit der gesamten Gruppe reden – irgendwann war man ja doch mal aktiv. Und dann wieder Tauben und Bier.



Das Ganze verlagerte sich natürlich – von der Stadionbar zur hippen Bar Berlin, die mit Berlin ganz und gar nichts zu tun hat, aber in Podgorica immer noch der coolste Ort zum Ausgehen ist, zum Internetcafé, zur nächsten Bar, zum Internetcafé. „Wir machen ja sonst nichts“, meinen sie. „Wir sind die faulste Nation auf dem Balkan. Wenn du jemanden unter 30 siehst, der arbeitet, ist der bestimmt nicht aus Montenegro.“ Sprüche dieser Art wiederholen sich und entsprechend schwer ist es auch zu provozieren. Sie geben ja sowieso alles zu – warum sich also Mühe geben.

Sie gestehen in dieser entspannten Atmosphäre sogar ein, dass Montenegro erst vor Kurzem den Krieg mit Japan beendet hat. „Mit Japan“, frage ich? „Ja natürlich“, sagen sie. „Über einhundert Jahre dauerte der brutale Kampf mit dem asiatischen Kaiserreich, doch endlich konnte man einen friedlichen Schlussstrich unter den Waffengang setzen.“ Den Internetzugang vor der Nase, google ich das nach. Und es stimmt: 1904 brach der Krieg zwischen Russland und Japan aus und der montenegrinische Fürst Nikola I. erklärte sich als slawischer Bündnispartner solidarisch. Den Japanern wurde der Krieg erklärt – obgleich nicht im Besitz einer Flotte, geschweige denn einer wirklich nennenswerten Armee seiend. 

Im Friedensvertrag nicht genannt, blieben die beiden Parteien 102 Jahre lang im Kriegszustand (ein nationales Schlüsselerlebnis sozusagen), der 2006 offiziell von Japans Vize-Außenminister Akiko Yamanaka und Premier Milo Dukanovic mit kräftigem Händedruck für beendet erklärt wurde. Die in Montenegro lebende japanische Gemeinschaft – nach Schätzungen von 2009 wohl elf japanische Staatsbürger – genieße auf Grundlage dessen nun höchsten Schutz im Balkanland und werden nicht mehr bei jeder Gelegenheit gelyncht. Beziehungen wurden aufgebaut und der Handel angekurbelt – Japans Exportschlager in Montenegro sind übrigens Drucker und Pumps.

Unbemerkt von mir, befand sich übrigens noch ein Deutscher im Raum des Untergrundinternetcafés, der mit mir ausgerechnet zur selben Zeit am Telefon sprach – ich allerdings von der Toilette aus, um Ruhe bei der Kommunikation zu finden und er vom hintersten PC des Saals. Als wir uns letztlich zehn Minuten später an anderem Ort verabredeter Weise trafen, war die Überraschung genau darüber groß.

Kennengelernt hatte ich den Journalisten einige Tage zuvor in Tirana, als wir kurzzeitig in ein und derselben Wohnung hausten. Bei einem Gespräch über Rakija und Čevapčiči ergaben sich verblüffende Gemeinsamkeiten – in Moskauer Redaktionen kostenlos gearbeitet, den Kosovo bereist und natürlich auch Transnistrien – Orte an die sonst niemand fährt. Letzten Endes verschaffe ich ihm auch noch die Übernachtung bei den nun immer zahlreicher werdenden einheimischen Freunden, die unterdessen natürlich nichts weiter machen, als über minderjährige Tauben zu reden und Bier zu trinken. Im Übrigen das schmackhafteste auf dem Balkan – Nikšićko. Vielleicht auch nur wegen dem niedlich klingenden Namen lecker.

Sonst passiert natürlich nicht viel – feiern an unterschiedlichen Orten und hoffen auf trockene Wäsche. Was hätte man sonst auch machen sollen. Nicht, dass es in Montenegro nichts zu sehen gibt – aber auf Podgorica im Speziellen trifft das schon zu. Die übermoderne Milleniumsbrücke wirkt dabei vollkommen deplatziert, wenn man sich all die kommunistischen Blöcke, Brutalismus in Reinform und überhaupt massenweise Beton im einstigen Titograd ansieht. Selbst der Mittelpunkt der Stadt – der Platz der Republik und die Hercegovačka-Straße – außer billigen Fleischbuden und einigen Shops, einfach nichts. Faule Säcke halt - nach sieben Jahren Unabhängigkeit noch nichts aufgebaut :P



Sonntag, 5. Mai 2013

Provoziert 2: Fünfzehn Stunden Regen



Abbiegen ins Nirgendwo bei Omare
Die Tage in Shkoder sollten schön und gemütlich anfangen. Problemlos bis in die Stadt getrampt, dann weiter bis zu einem Zeltplatz am See und dort Gratis-Internet, gutes Essen und Strand genossen. Ja, so war das – und weil es so war, entschied ich mich einfach mal, noch einen Tag dranzuhängen: Man will ja Relaxen, spontan dort bleiben, wo es einem gefällt. Little did I know. Am Abend fing es an, in Strömen zu regnen. Ich rettete mich ins Restaurant und konnte meinen finalen Badeausflug abschreiben. Und so vertrieb man sich die Zeit – Tirana-Bier trinkend und Texte schreibend – immer in der Hoffnung, dass das preiswerte Zweimannzelt, das so gar nicht für zwei Personen ausgerichtet ist, den Wassermassen standhalten würde. Als ich genau dieses überprüfen wollte – BANG: Strom weg, Finsternis umhüllt uns alle und ein paar chaotisch umher tanzende Schatten von Bedienungen fuchteln improvisiert mit zwei/drei Taschenlampen herum. Gegen zehn war auch das vorbei. Das Restaurant schließt und man bittet alle Gäste, sich doch besser wieder in ihre Zelte zu begeben. Gesagt getan – nur, dass in meiner Behausung das Wasser bereits von der Decke tropfte.

Der lange Weg zum Zeltplatz
Erst englischer Rasen, dann Sumpf
Panisch fragte ich mich, was zu tun sei. Die glorreiche Idee – ich müsste ins Nachbarzelt ausweichen. Seit Tagen war mir dieses gigantische Gebilde neben dem Internetmast ins Auge gefallen. Niemand betrat oder verlies es. Und ich in meiner Not meinte, dass ein kleiner Blick ins Innere lohnenswert sei. In der Tat: Statt triefend nassen Kleidungsstücken und Schlafsäcken Trockenheit pur. Durch mehrere Schichten sichtbar geschützt vor dem Niederschlag drang kein einziger Tropfen in das Zelt. Ich beraumte daher die sofortige Evakuierung meiner Sachen in diese wunderbare Unterkunft an. Die nassen Kleidungsstücke, der Schlafsack und mein Zelt gingen dagegen direkt auf die Restaurantterrasse zum Aufhängen – immer noch hoffend, dass der Regen gegen Morgen enden und der Sonnenschein eine schnelle Trocknung bis Mittag herbeiführen würde. Falsch gedacht, während ich so schlief und schlief – und das übrigens auf bequemen Betten mit noch bequemeren Luxusschlafsäcken (Ja, beides war in dem mysteriösen Zelt vorhanden) – tröpfelte es weiter.
So schön hätte es sein können
Ich vertröstete mir die Zeit damit darüber nachzudenken, wem das Zelt wohl gehören mochte. Einer hübschen Albanerin vielleicht, die mich des Nachts noch besuchen, erschreckt aufblicken und mich dann doch in ihrer Unterkunft hausen lassen würde? Wunschdenken natürlich. Nächtlichen Besuch bekam ich keinen – nicht im Positiven, nicht im Negativen. Vermutlich war es ohnehin nur das Zelt des Campingplatzes, welches an obdachlose Reisende vermietet wird. Sei es drum. Ich war im Warmen und meine Sachen in trockenen Tüchern. Lediglich den im Freien hängenden Sachen wurde keine Ruhepause gewährt. Und so schlug es 6, 8, 10, 11, 12 und immer noch kein Stopp in Sicht. Empört stand ich in den Startlöchern. Den Großteil der Sachen schon gepackt und das Nasse Zeug mittlerweile in einen übergroßen Plastikbeutel gestopft, in der Hoffnung, dass ich es wenigstens so bis nach Montenegro schaffen würde. Der Sonnenschein kam endlich. Gegen 13.00 Uhr durfte ich Albanien mit nassem Gepäck verlassen, mir meine Aus- und Einreisestempel abholen und mit Freude auf ein Dach überm Kopf in Podgorica blicken.  

Mittwoch, 1. Mai 2013

Provokation 15: Markus, aber schreibe bitte nichts Schlechtes über Albanien



„Markus, aber schreibe bitte nichts Schlechtes über Albanien“, das war der erste Satz, den ich nach meiner Ankunft im Illyrerstaat – nein, noch davor hören konnte. Mit zwei im Hostel kennengelernten Portugiesen ging es aus Prizren raus. Zwei Minuten, erstes Auto, eine Fahrt an die Grenze. Und als ich von meinem Vorhaben, über meine Reise zu bloggen rede, werde ich geradezu angefleht keine schlechten Worte zu wählen. Die Provokation 15 findet insofern genau jetzt statt, indem ich mein hoch und heilig gegebenes Versprechen breche:
Nationales Museum für Geschichte Tirana
  1. Mindestens ein Drittel der Autos, die mich beim Trampen hinter der albanischen Grenze eingeladen haben, stellten sich nach einiger Zeit als Taxis heraus. Erst ein lockeres Gespräch, das dann auf die Benzinpreise in Deutschland gelenkt wird. Keine Ahnung, antworte ich auf die Frage, wie viel man in meiner Heimat für eine solche Strecke bezahle. Ausweichversuche meinerseits: Über die wunderschöne Landschaft sprechen. Und mehr hat Albanien ja sowieso nicht zu bieten. Herrliche, saftig grüne Berge und traumhafte Strände. Doch sie lassen nicht locker. Dann sagt man: Kein Taxi! No Taxi! No! Steigt aus, und schreitet allmählich weiter, bis man endlich vernünftige Leute trifft.
  2. In Griechenland treffe ich also diesen Amerikaner, der es in drei Tagen geschafft hat, von Berlin nach Athen zu trampen – mit Hund. Auch er war in Albanien und warnt mich vor. Eines Tages stand der gute Mann an einer Straßenkreuzung und hält seinen Daumen in die Luft, als plötzlich Kugeln über seinen Kopf pfeifen. Irgendjemand hat das Feuer eröffnet. Dann wird alles still und er wundert sich, was nun zu machen sei. Er trampt einfach weiter.
  3. Das Nationalmuseum in Tirana ist…nun ja…sehr umfassend, sagen wir. Drei bis vier Etagen mit Informationen über die gesamte Geschichte der Illyrer und Albaner von der Frühzeit bis zur Gegenwart. Megaviele Infos sogar. Ausländer sollten aber unbedingt ihr Geld zurückbekommen, da alles nur in Albanisch erklärt wird. Fun Facts: Das sozrealistische Mosaik über dem Eingang des Nationalmuseums erinnert auf eigenartige Weise an die chinesische KP. Grund: Enver Hoxha, Präsident des kommunistischen Albaniens, war einer der wenigen Parteiführer jener Zeit, die mit Mao kooperierten. Dieser wiederum hat sein Volk bis zum Ende verhungern lassen, nur um Albanien mit Getreide versorgen und Kredite geben zu können – das nannte sich dann großer Sprung und hat wohl auch ästhetisch seine Spuren in Tirana hinterlassen.
  4. Die Pyramide ist das absolut hässlichste Gebäude auf dem westlichen Balkan. Erbaut wurde sie als Mausoleum für Enver Hoxha, der nach dem Zusammenbruch des Kommunismus jedoch nie dort beerdigt wurde. Stattdessen trug man die spiegelnde Außenschicht ab und jetzt steht im Herzen Tiranas einfach nur eine unfassbar gräuliche Betonpyramide. 
    Die Pyramide von Tirana
  5. Ich lerne also dieses Mädchen, Aurora kennen, die leider Gottes nicht einmal die Bedeutung ihres Namens kennt. Sie bringt mich zu einer Bar – eine recht nette sogar. Wir trinken ein bis zwei Bier und so tun es uns auch die Leute am Nachbartisch gleich. Plötzlich kommt ein Wagen vorgefahren. Ein Paar mittleren Alters schnellt aus diesem heraus, zerrt ein junges Mädchen aus der Bar und fängt wild an zu gestikulieren und zu zerren. Der Vater kehrt in die Bar zurück, als die Tochter ins Auto verschleppt wurde. Ein Tritt gegen den Stuhl einer beisitzenden Person lässt diese vom Hocker quer über die Terrasse fallen. Er und seine Freunde hinterher. Stress. Chaos. Der Wagen fährt weg.
  6. Bunker, Bunker, Bunker
  7. Albanien ist das Land der Bunker. Tausende kuppelartige Schutz- und Geschützstellungen hat Enver Hoxha während seines kommunistischen Regimes in den Bergen, an Stränden, na eigentlich überall errichten lassen. Weil dieser ungemein wichtige Staat am Mittelmeer natürlich für den Atomkrieg gewappnet sein musste. Heute verschandeln die Bunker die gesamte Natur. Manche dienen bis heute als Unterschlupf für gestrandete Tramper (nicht für mich leider) - andere werden jetzt kommerzialisiert. Bunkertourismus wird der kommende Trend.  
Tabak aufm Markt
Skanderbeg-Platz - Kulturelles Herz Tiranas

Genau das sind die Dinge, die ich nicht erzählen sollte. Albaner fürchten einfach, dass sich im Rest von Europa eine schlechte Meinung über ihr Land verbreitet. Lange habe ich nachgedacht, als ich über die aufgerissenen Straßen spazierte, die zu meinem ausgeliehenen Appartement führen, ob ich nun letzten Endes berichte soll oder nicht. Nein…nein, das habe ich eigentlich nicht wirklich. Von Anfang an war klar, dass ich schonungslos berichten und all diese hässlichen Seiten heraus kramen würde. Sonst ist Albanien im Übrigen ganz nett.

Dienstag, 30. April 2013

Provokation 14: Ich und Sasha Grey trampen nach Prizren


Mit Sasha Grey auf dem Weg nach Prizren


Amselöl

Der überwiegende Teil der Kosovaren gehört dem muslimischen Glauben an und verfolgt diesen deutlich strenger als im Nachbarland Albanien. Während in Albanien der Kommunismus seine Spuren hinterlassen hat, war die Religion im Kosovo Teil der Abgrenzungsidentität zur serbischen Übermacht, die das Amselfeld historisch für sich beansprucht. Was könnte da besser passen, als mit einem einstigen Pornostar auf dem T-Shirt – mittlerweile seriöse Schauspielerin! – und der Unterschrift Current 69 durch die Region zu trampen. Das Bild stammt aus Litauen von einer Zeichnerin, namens Shaltmira. Die 69 unter dem zerfließenden Gesicht Sasha Greys macht wiederum keinen Sinn. Ich habe sie in allen nur erdenklichen Positionen und Konstellationen und was auch immer sehen dürfen. Aber 69 ist dann doch etwas zu romantisch für ihr Genre.

Mit ihrem Konterfeit kommt man erstaunlich gut von der Stelle. Die Taxifahrt an die Randbezirke von Prishtina erspare ich mir lieber. Die würde ca. 2 Euro kosten und damit nur halb so viel wie der Bus nach Prizren. Trampen muss trotzdem sein. Vorbei an der NATO-Straße und am Bill-Clinton-Monument geht es bis zur nächsten Tankstelle, von wo aus mich der erste korpulente Mann bis zu einem kontrollpunktartigen Ort im Landesinneren bringt. Ich warte auf die KFOR-Karossen und die EULEX-Jeeps. Die kommen auch, doch sie halten nicht an. Insgeheim scheint jeder die beiden Truppenverbände zu hassen. Insgeheim? Ziemlich offen sogar: Junge, arbeitslose, gut ausgebildete Kosovaren beschweren sich darüber, dass sie nicht an die Verwaltung gelassen werden und stattdessen EU-Leute das Land regieren.

Einige Minuten später – noch mehr Korpulenz. Aus irgendwelchen Gründen nehmen mich im Kosovo nur dicke Männer mittleren Alters mit, was…und jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, natürlich mit meinem T-Shirt zu tun hat. Sie schauen gar nicht auf mich oder auf meinen Schriftzug, sondern haben einzig und allein das Mädchen auf meiner Brust im Auge, machen eine Vollbremsung, reißen die Tür auf und dann ist es schon zu spät. Einsteigend und den Gedanken auf der Zunge zergehen lassend, kann ich mich eines Lächelns nicht erwehren. Das Land ist doch nicht so streng wie ich dachte: Internet und Pornokultur florieren auch hier. Der Besitzer des Hostels, in dem ich die nächste Nacht verbringen soll, bestätigt mir diese Vermutung. Er ist ein sehr aktiver Nutzer diverser Seiten und trinkt obendrein sehr viel – stößt aber nur an, wenn der Gebetsgesang ertönt.

Traditionelles Albanisches Haus
Gegen Abend ist es wieder so weit. Die gesamte Stadt Prizren hüllt sich in Muezzin-Klänge und er – nennen wir ihn Bojan, da ich seinen Namen vollends vergessen habe – holt bereits einen Sixpack mit frischem Dosenbier heraus, um es an seine Gäste zu verteilen. Sein ökonomisches Konzept ist höchst zweifelhaft. Zunächst verlangt er 11 Euro pro Nacht und liegt dabei weit unter den Preisen der Konkurrenz – anschließend kauft er seinen Gästen Bier in genau demselben Gegenwert. Beim dritten Gerstensaft klagt er dann, über die finanzielle Lage seines Hauses. Im Winter müsse er bereits höhere Preise verlangen, da keiner  kommt – was, hallo hallo: keinen Sinn macht. Warum erhöht er denn im Sommer nicht die Preise, meine ich. Und er: Ach, naja, trink mal noch ein Bier. Die Stromkosten des zweimal am Tag nicht fließenden Stroms seien selbstverständlich auch ein Problem und wenn die Stadt herausbekommt, dass er illegal zwei Stockwerke auf sein ursprüngliches Wohnhaus drauf gesetzt hat, dann ist sowieso alles vorbei. Nicht zu schweigen von den unerlaubt angebrachten Hinweistafeln, die auch mich zum City Hostel Prizren lockten (Und jetzt kann er nur hoffen, dass die Prizrener Stadtverwaltung nicht mitliest).

Kurzum: Haus und Besitzer sind an der Grenze zur Legalität genial. Er bringt seine Gäste sogar ins Zentrum zu seinen liebsten Kneipen und lässt es sich selbstredend auch dort nicht nehmen, alles zu bezahlen. Am Ende lässt er mich und zwei Portugiesen sturzbetrunken mit seinem Computer und der Kasse allein. Ein seltsamer Kerl – aber zu funktionieren scheint es ja. Vor einem Jahr, berichtet er stolz, bevor er zum Ausgang torkelt, habe er das legendäre Balkan Mafia Meeting in seinem Haus gehabt. Hunderte Reisende aus aller Welt und vor allem vom Balkan, die ein ausschweifendes Fest feiern. Und…und sich natürlich die Stadt ansehen. Stadtansichten, ja richtig – die hätte ich fast vergessen. Überhaupt nicht zu vergessen nämlich der Klassiker aller Provokationen in Prizren: „Entschuldigen Sie, wo sind denn hier das serbische Viertel und die Muttergotteskathedrale?“ Augenbrauen zucken nervös und tief aus dem Rachen kommt ein Raunen hervor. Ein Blick auf Sasha, dann zurück in mein Gesicht. „Unter der Burg!“



Traditionelles Serbisches Haus
„Unter der Burg!“ heißt: Unter der prächtig erhaltenen Mauer, die verdeckt, dass hinter ihr nur Brachland ist. Außerdem lenkt sie hervorragend davon ab, dass von dem serbischen Viertel nur noch Ruinen geblieben und man die mit Stacheldraht gesicherte christliche Kirche nur auf Genehmigung des Polizeipräsidenten betreten darf, weil sie sonst schlicht und ergreifend in Flammen aufgehen würde. Letztlich ist es ja nur eine alte Tradition: Von Zeit zu Zeit brennt man einfach die Häuser seiner Nachbarn nieder – und die machen im Gegenzug dasselbe, bis nichts mehr an Ort und Stelle steht. 2004 hatte es dabei auch das Erzengelkloster aus dem 14. Jahrhundert erwischt. 600 Jahre waren aber auch wirklich mehr als genug.  



Hinter den Burgmauern

Letzte orthodoxe Bastion
Die Hauptmoschee in Prizren und ein ziemlich seltsam geformtes Haus