Mittwoch, 1. Mai 2013

Provokation 15: Markus, aber schreibe bitte nichts Schlechtes über Albanien



„Markus, aber schreibe bitte nichts Schlechtes über Albanien“, das war der erste Satz, den ich nach meiner Ankunft im Illyrerstaat – nein, noch davor hören konnte. Mit zwei im Hostel kennengelernten Portugiesen ging es aus Prizren raus. Zwei Minuten, erstes Auto, eine Fahrt an die Grenze. Und als ich von meinem Vorhaben, über meine Reise zu bloggen rede, werde ich geradezu angefleht keine schlechten Worte zu wählen. Die Provokation 15 findet insofern genau jetzt statt, indem ich mein hoch und heilig gegebenes Versprechen breche:
Nationales Museum für Geschichte Tirana
  1. Mindestens ein Drittel der Autos, die mich beim Trampen hinter der albanischen Grenze eingeladen haben, stellten sich nach einiger Zeit als Taxis heraus. Erst ein lockeres Gespräch, das dann auf die Benzinpreise in Deutschland gelenkt wird. Keine Ahnung, antworte ich auf die Frage, wie viel man in meiner Heimat für eine solche Strecke bezahle. Ausweichversuche meinerseits: Über die wunderschöne Landschaft sprechen. Und mehr hat Albanien ja sowieso nicht zu bieten. Herrliche, saftig grüne Berge und traumhafte Strände. Doch sie lassen nicht locker. Dann sagt man: Kein Taxi! No Taxi! No! Steigt aus, und schreitet allmählich weiter, bis man endlich vernünftige Leute trifft.
  2. In Griechenland treffe ich also diesen Amerikaner, der es in drei Tagen geschafft hat, von Berlin nach Athen zu trampen – mit Hund. Auch er war in Albanien und warnt mich vor. Eines Tages stand der gute Mann an einer Straßenkreuzung und hält seinen Daumen in die Luft, als plötzlich Kugeln über seinen Kopf pfeifen. Irgendjemand hat das Feuer eröffnet. Dann wird alles still und er wundert sich, was nun zu machen sei. Er trampt einfach weiter.
  3. Das Nationalmuseum in Tirana ist…nun ja…sehr umfassend, sagen wir. Drei bis vier Etagen mit Informationen über die gesamte Geschichte der Illyrer und Albaner von der Frühzeit bis zur Gegenwart. Megaviele Infos sogar. Ausländer sollten aber unbedingt ihr Geld zurückbekommen, da alles nur in Albanisch erklärt wird. Fun Facts: Das sozrealistische Mosaik über dem Eingang des Nationalmuseums erinnert auf eigenartige Weise an die chinesische KP. Grund: Enver Hoxha, Präsident des kommunistischen Albaniens, war einer der wenigen Parteiführer jener Zeit, die mit Mao kooperierten. Dieser wiederum hat sein Volk bis zum Ende verhungern lassen, nur um Albanien mit Getreide versorgen und Kredite geben zu können – das nannte sich dann großer Sprung und hat wohl auch ästhetisch seine Spuren in Tirana hinterlassen.
  4. Die Pyramide ist das absolut hässlichste Gebäude auf dem westlichen Balkan. Erbaut wurde sie als Mausoleum für Enver Hoxha, der nach dem Zusammenbruch des Kommunismus jedoch nie dort beerdigt wurde. Stattdessen trug man die spiegelnde Außenschicht ab und jetzt steht im Herzen Tiranas einfach nur eine unfassbar gräuliche Betonpyramide. 
    Die Pyramide von Tirana
  5. Ich lerne also dieses Mädchen, Aurora kennen, die leider Gottes nicht einmal die Bedeutung ihres Namens kennt. Sie bringt mich zu einer Bar – eine recht nette sogar. Wir trinken ein bis zwei Bier und so tun es uns auch die Leute am Nachbartisch gleich. Plötzlich kommt ein Wagen vorgefahren. Ein Paar mittleren Alters schnellt aus diesem heraus, zerrt ein junges Mädchen aus der Bar und fängt wild an zu gestikulieren und zu zerren. Der Vater kehrt in die Bar zurück, als die Tochter ins Auto verschleppt wurde. Ein Tritt gegen den Stuhl einer beisitzenden Person lässt diese vom Hocker quer über die Terrasse fallen. Er und seine Freunde hinterher. Stress. Chaos. Der Wagen fährt weg.
  6. Bunker, Bunker, Bunker
  7. Albanien ist das Land der Bunker. Tausende kuppelartige Schutz- und Geschützstellungen hat Enver Hoxha während seines kommunistischen Regimes in den Bergen, an Stränden, na eigentlich überall errichten lassen. Weil dieser ungemein wichtige Staat am Mittelmeer natürlich für den Atomkrieg gewappnet sein musste. Heute verschandeln die Bunker die gesamte Natur. Manche dienen bis heute als Unterschlupf für gestrandete Tramper (nicht für mich leider) - andere werden jetzt kommerzialisiert. Bunkertourismus wird der kommende Trend.  
Tabak aufm Markt
Skanderbeg-Platz - Kulturelles Herz Tiranas

Genau das sind die Dinge, die ich nicht erzählen sollte. Albaner fürchten einfach, dass sich im Rest von Europa eine schlechte Meinung über ihr Land verbreitet. Lange habe ich nachgedacht, als ich über die aufgerissenen Straßen spazierte, die zu meinem ausgeliehenen Appartement führen, ob ich nun letzten Endes berichte soll oder nicht. Nein…nein, das habe ich eigentlich nicht wirklich. Von Anfang an war klar, dass ich schonungslos berichten und all diese hässlichen Seiten heraus kramen würde. Sonst ist Albanien im Übrigen ganz nett.

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