Montag, 15. April 2013

Provokation 2: KKE in Exarchia kritisieren

Exarchia ist der wohl politischste Distrikt in ganz Athen. Zahlreiche Studenten wohnen hier, die Uni ist nicht weit entfernt und das Zentrum vor der Haustür. Das Viertel ordnet sich rund um den gleichnamigen Platz an, der angeblich nach einem Lebensmittel- und Zigarettenhändler – Exarchion – benannt wurde. Wenn es in Athen Stress gibt, dann bricht dieser in der Regel hier aus und wälzt sich in wütenden Demonstrationszügen in die Innenstadt hinein.

Während ich so durch die Straßen gehe und dem ständigen Klackern von orthodoxen Gebetsketten folge – die im Übrigen nur aus Nervosität benutzt werden, wie es mir scheint – strahlen mir an jeder Fassade schillernde Hämmer und glänzende Sicheln entgegen. Darunter für mich unverständliche Sätze und Buchstaben. Nur die drei Buchstaben KKE machen irgendwie Sinn: Wohl die kommunistische Partei, die hier massenweise Anhänger hat.



Ich setze mich also ins Café und habe bereits ein gefundenes Fressen für mein risikoreiches Vorhaben. Während ich gestern lediglich mit abschätzigen Blicken bestraft wurde, wird es wohl heute eher streitreicher werden. Ich komme ins Gespräch: Natürlich wird über Anarchie gesprochen und als ich an der Stelle bereits den ersten intellektuellen Stoß versetzen möchte, kommt mir das griechische Mädchen mit Kropotkin, der ja Anarchie ganz und gar von der Verantwortlichkeitsseite jedes einzelnen Bürgers ohne staatliche Instanzen sieht. Verdammt, die Frau nimmt mir die Worte aus dem Mund und somit auch mein Streitmaterial.

Mein Plan droht zu scheitern. Ich kann mich nur noch in Symbole flüchten und beginne gegen Hammer und Sichel zu sticheln. Für mich stehe der Hammer für die blutrünstige Zerschlagung der verhungernden Bauern- und Arbeiterklasse in der Ukraine, in Kasachstan und andernorts. Der Sichel sei das Zeichen für die Durchschneidung oppositioneller Stimmbänder und selbst staatstreuer Köpfe in sonst selten erreichten Ausmaßen. Warum hängt der Müll hier also überall rum?, sage ich. Sollte das nicht verboten werden? Oder plant die KKE die Errichtung einer stalinistischen Diktatur in Griechenland?

Die Gesprächspartnerin bleibt ruhig. Stimmt in Teilen sogar zu. Nur Hammer und Sichel will Sie ganz gerne über der Akropolis wehen sehen. Aber, aber…sage ich…ich stocke, stopfe meinen Mund mit Moussaka voll und trinke mein Fix-Bier hinunter. „Wusstest du schon, dass dieses Bier von einem deutschen Einwanderer gebraut wurde“, Teile ich aus und verschwinde in die Gassen des anarchistischen Musterviertels, das bestimmt die höchsten Mietpreise in ganz Athen hat.

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