 |
| Ohrid-See |
Ohrid ist der bekannteste Ferienort in Mazedonien: Am
gleichnamigen See gelegen kommen hier jedes Jahr massenweise Touristen hin, um
den Sommer am Strand zu genießen. In der Altstadt drängt sich eine Kirche an
die andere – 365 gibt es insgesamt: Für jeden Tag eine. Ohrid ist aber auch
nicht zuletzt eine der letzten mazedonischen Hochburgen im Westen des Landes.
Alle anderen Städte, vor allem Struga und Tetovo sind zu einem großen Teil von
Albanern besiedelt, die gerne ein Zusammengehen mit dem Nachbarland sehen
würden und dafür auch teilweise mit der Albanischen Befreiungsarmee für
Mazedonien kämpfen. 2001 machte die paramilitärische Gruppe ordentlich Stress,
als sie acht mazedonische Polizisten vom Leben zum Tode beförderte – Die
mazedonische Antwort wie so oft auf dem Balkan: Die Häuser der Familien anderer
Konfessionen anzünden.
 |
| Ohrid-See |
Schon auf der Fahrt mit zwei Mazedoniern hake ich natürlich
ein und frage, wie viele Häuser in Ohrid denn vorher Albanern gehört haben
mögen – und ob sich das Geschäft mit Hotels und Ferienwohnungen denn jetzt
lohnt. Ohrid ist praktisch von Albanern gereinigt und besteht als
Vorzeigeferienort, während sich in der Nachbarstadt Struga alle Muslime
zusammengepfercht wiederfinden. Hier gibt es im Vergleich zu Ohrid auch so
schöne Sachen wie Müll und Straßenhunde. Die Fahrer streiten das natürlich ab
und berufen sich darauf, dass alle Albaner jedwede Freiheiten in Mazedonien
genießen. Meinen Gastgeber ziehe ich damit ebenfalls auf und setze noch
stichelnde Bemerkungen bezüglich seiner Geldgier hinzu. Stundenlang erzählt er
mir von seinen Betrügereien mit Ferienwohnungen – wie er im Sommer massenweise
Geld steuerfrei einnimmt und die Preise nach Belieben variiert. Die Albaner arbeiten
ja wenigstens, meine ich, worauf Slavco einfach nur den Kopf schüttelt und
erwidert: Nein, nein, nein, die arbeiten nun wirklich nicht – während er mir
ein weiteres Stück hausgemachten Burek auf den Teller packt. Burek im Übrigen
ist das Nationalessen des Landes und eigentlich auf dem gesamten Balkan
verbreitet. Quasi nichts weiter als Blätterteig gefüllt mit Käse, Fleisch oder
allem, was man da so hinein machen möchte. Und natürlich hat das Gericht
türkische Wurzeln – die Ähnlichkeit von Börek und Burek ist gewiss kein Zufall.
Aber auch das möchte Slavco nicht hören.
 |
| Hafen |
Um über Struga urteilen zu können, bin ich natürlich auch
selbst in Ohrids Nachbarort gefahren. Immer am See entlang – nach zehn Minuten
kommt man in einem deutlich dreckigeren Ort an, als an dem man vorher war. Wirklich
mehr Müll und nicht so schön herausgeputzt. Die Führung durch das hiesige
Nachtleben übernimmt ein Mädchen aus dem Schwabenland – halbwegs auf dem Weg
zum Journalismusstudium in Struga als Freiwillige in einem der
deutschsprachigen Institute. Seltsamerweise befinden sich hier alle nur
denkbaren Organisationen aus dem Ausland: Deutsche, Engländer, Franzosen…etc.
In Ohrid haben Sie halt sehr viel weniger Arbeit, als in Struga – und man
bekommt beim Anblick der Stadt doch schnell mit, warum. Irgendwie bereue ich es
jetzt fast, dass sich unter meinem Pullover politischer Sprengstoff – das
Mazedonien-T-Shirt – versteckt. In der Bar, in der wir sitzen, wird es nämlich
kochend heiß. Im Hintergrund spielt der albanische Clubbesitzer in
Endlosschleifen schnulzige Berry-White-Musik, was auch nicht gerade für
Abkühlung sorgt. Es reicht. Der Pullover muss weg und plötzlich sitze ich da
mit mazedonischen Nationalfarben zwischen schwarzen Adlern auf rotem Grund. Stille
– doch keiner regt sich. Kritische Blicke von den Freiwilligen. Doch ich
ignoriere sie. Das Bier kommt vielleicht mit wenigen Minuten Verzögerung an
unseren Tisch und vermutlich auch mit diversen Körperflüssigkeiten des
Personals versetzt. Doch immerhin – keine Schlägerei, keine brennenden Häuser,
keine Knüppel auf den Kopf. Die Leute haben sich erstaunlich gut unter
Kontrolle.
 |
| Ohrid-See, Kapelle und Nationalpark Galicica - die hohen Berge im Hintergrund |
 |
| Ohrids Altstad mit Burg |
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen