Mittwoch, 24. April 2013

Provokation 10: Mazedonier gegen Albaner in Ohrid ausspielen



Ohrid-See
Ohrid ist der bekannteste Ferienort in Mazedonien: Am gleichnamigen See gelegen kommen hier jedes Jahr massenweise Touristen hin, um den Sommer am Strand zu genießen. In der Altstadt drängt sich eine Kirche an die andere – 365 gibt es insgesamt: Für jeden Tag eine. Ohrid ist aber auch nicht zuletzt eine der letzten mazedonischen Hochburgen im Westen des Landes. Alle anderen Städte, vor allem Struga und Tetovo sind zu einem großen Teil von Albanern besiedelt, die gerne ein Zusammengehen mit dem Nachbarland sehen würden und dafür auch teilweise mit der Albanischen Befreiungsarmee für Mazedonien kämpfen. 2001 machte die paramilitärische Gruppe ordentlich Stress, als sie acht mazedonische Polizisten vom Leben zum Tode beförderte – Die mazedonische Antwort wie so oft auf dem Balkan: Die Häuser der Familien anderer Konfessionen anzünden.

Ohrid-See
Schon auf der Fahrt mit zwei Mazedoniern hake ich natürlich ein und frage, wie viele Häuser in Ohrid denn vorher Albanern gehört haben mögen – und ob sich das Geschäft mit Hotels und Ferienwohnungen denn jetzt lohnt. Ohrid ist praktisch von Albanern gereinigt und besteht als Vorzeigeferienort, während sich in der Nachbarstadt Struga alle Muslime zusammengepfercht wiederfinden. Hier gibt es im Vergleich zu Ohrid auch so schöne Sachen wie Müll und Straßenhunde. Die Fahrer streiten das natürlich ab und berufen sich darauf, dass alle Albaner jedwede Freiheiten in Mazedonien genießen. Meinen Gastgeber ziehe ich damit ebenfalls auf und setze noch stichelnde Bemerkungen bezüglich seiner Geldgier hinzu. Stundenlang erzählt er mir von seinen Betrügereien mit Ferienwohnungen – wie er im Sommer massenweise Geld steuerfrei einnimmt und die Preise nach Belieben variiert. Die Albaner arbeiten ja wenigstens, meine ich, worauf Slavco einfach nur den Kopf schüttelt und erwidert: Nein, nein, nein, die arbeiten nun wirklich nicht – während er mir ein weiteres Stück hausgemachten Burek auf den Teller packt. Burek im Übrigen ist das Nationalessen des Landes und eigentlich auf dem gesamten Balkan verbreitet. Quasi nichts weiter als Blätterteig gefüllt mit Käse, Fleisch oder allem, was man da so hinein machen möchte. Und natürlich hat das Gericht türkische Wurzeln – die Ähnlichkeit von Börek und Burek ist gewiss kein Zufall. Aber auch das möchte Slavco nicht hören.

Hafen
Um über Struga urteilen zu können, bin ich natürlich auch selbst in Ohrids Nachbarort gefahren. Immer am See entlang – nach zehn Minuten kommt man in einem deutlich dreckigeren Ort an, als an dem man vorher war. Wirklich mehr Müll und nicht so schön herausgeputzt. Die Führung durch das hiesige Nachtleben übernimmt ein Mädchen aus dem Schwabenland – halbwegs auf dem Weg zum Journalismusstudium in Struga als Freiwillige in einem der deutschsprachigen Institute. Seltsamerweise befinden sich hier alle nur denkbaren Organisationen aus dem Ausland: Deutsche, Engländer, Franzosen…etc. In Ohrid haben Sie halt sehr viel weniger Arbeit, als in Struga – und man bekommt beim Anblick der Stadt doch schnell mit, warum. Irgendwie bereue ich es jetzt fast, dass sich unter meinem Pullover politischer Sprengstoff – das Mazedonien-T-Shirt – versteckt. In der Bar, in der wir sitzen, wird es nämlich kochend heiß. Im Hintergrund spielt der albanische Clubbesitzer in Endlosschleifen schnulzige Berry-White-Musik, was auch nicht gerade für Abkühlung sorgt. Es reicht. Der Pullover muss weg und plötzlich sitze ich da mit mazedonischen Nationalfarben zwischen schwarzen Adlern auf rotem Grund. Stille – doch keiner regt sich. Kritische Blicke von den Freiwilligen. Doch ich ignoriere sie. Das Bier kommt vielleicht mit wenigen Minuten Verzögerung an unseren Tisch und vermutlich auch mit diversen Körperflüssigkeiten des Personals versetzt. Doch immerhin – keine Schlägerei, keine brennenden Häuser, keine Knüppel auf den Kopf. Die Leute haben sich erstaunlich gut unter Kontrolle.
Ohrid-See, Kapelle und Nationalpark Galicica - die hohen Berge im Hintergrund

Ohrids Altstad mit Burg

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