Nach meinen Tagen beim Orakel ging es erneut darum, in Griechenland ganz dreist die Schulden einzufordern – als deutscher Repräsentant sozusagen. Besser wäre das kaum möglich, als auf die Straße zu gehen und ein bis zwei Autos an den Seitenstreifen zu winken, um eine Mitfahrt zu ergattern. Der erste Fahrer – ein Mann Mitte 50, der wild gestikuliert und irgendetwas von Merkel und Schäuble faselt. Natürlich fängt er damit auch erst an, als ich ihm von meiner Herkunft berichte – in ebenfalls gestikulierender Art. Insofern ist beinahe auszuschließen, das Merkel und Schäuble irgendwelche griechischen Wörter sind. Ich jedenfalls zeige mich von seinem Wissen hoch erfreut und nehme an, dass er mir zur Schuldenrückzahlung die Fahrt geschenkt hat. Entsprechend gibt es einen Daumen hoch von mir, wenn er Schäuble erwähnt – bei Merkel sind es derer zwei. Jedoch, er scheint mich nicht zu verstehen. Spricht sich eher noch mehr in Rage. Warum nur? Ich lande irgendwann am Rand der Landstraße und er braust ohne ein Wort davon. Wundersame Menschen hier.
In Richtung Volos bekomme ich letzten Endes noch einen Bus. Ein junges, attraktives Mädchen winkt mich herein – ich ahne schon, dass ich mich einmal mehr um die Bezahlung reden muss und dazu auf das Schuldenkonzept pochen sollte. Nach einiger Zeit kommt sie – die Kontrolleurin – vorbei und schaut mich an und sagt natürlich: Geld hast du keines, oder? Taktisch klug stimme ich dem zu, obwohl das ja so ganz nicht stimmt. Nach zehn Minuten kommt sie wieder. Aus unerfindlichen Gründen fragt sie, ob ich aus Deutschland komme. Ich überrascht, entzückt und flirtbereit: Ja, woher weißt du das? Aus Berlin?, fragt sie weiter. Ich bin wirklich verblüfft. Kennt sie meinen Couchsurfer in meinem Zielort Volos oder was? Erklärungen gibt es keine. Stattdessen petzt sie alles dem Fahrer, der abrupt auf die Bremse tritt. Von vorn lockt sie mich mit ihrem Finger, her zu kommen – mein Gepäck am besten mitzunehmen. Was läuft denn hier? Draußen auf der Straße steht bereits wutentbrannt der Fahrer, der nur irgendwas von „Fuck you Germany, Fuck YOU!!!“ erzählt und mich verdutzt kurz vor Volos aussetzt. Yeah, endlich Zorn. Nur blöd, dass ich jetzt keine Ahnung habe, wie ich hier weg kommen soll. Eine einsame Imbissbude ist alles, was mir die Zeit vertröstet. Der abfahrenden Kontrolleurin winkend und dem Fahrer den Finger zeigend geht es also wieder auf die Straße – den vorbeikommenden Autos wiederum den Daumen präsentierend. Nach einiger Zeit stoppt jemand: Volos, ich komme. Komme, um mir die Haare zu schneiden, weil der Stadtname auf Russisch Haare bedeutet und das quasi ein Zeichen ist.
Meine Forschungsreise beginnt in Athen, wo ich erstmals mit gezielten Provokationen mein Glück herausfordern möchte. Ziel ist es insbesondere nationale und regionale Ehrgefühle zu verletzen, um diverse Reaktionen zu verursachen und stereotype Denkweisen wie überzogenes Nationalgefühl zu entlarven. Teile der Erzählung sind selbstverständlich frei erfunden – manche aber auch nicht. Dies soll der Verschleierung unangenehmer Wahrheiten und der Verwahrheitung angenehmer Lügen dienen.
Freitag, 19. April 2013
Provokation 6: Schulden einfordern – Zweiter Teil („Fuck you, Germany!!!)
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Weiter so! Da hilft wirklich nur Haare schneiden!
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