Mittwoch, 17. April 2013

Provokation 4: Schulden einfordern – Erster Teil (weniger provokativ)

Athen habe ich leider nicht klein gekriegt – andersherum ja auch nicht. Also ging es für mich irgendwann auf die Straße. Nächste Fahrt Richtung Delfi – drei Stunden warten und dann an einer einsamen Raststätte abgeladen werden, von der man erstaunlich schnell mitgenommen wird. Das noch Erstaunlichere ist, dass ein Bus hält. Zögernd steige ich ein – mit vollem Gepäck, bevor man mich darauf hinweist, den riesigen Rucksack doch lieber im dafür vorgesehenen Bereich abzulagern. Ich zögere weiter – das riecht nach bezahlen und das will ich ja nicht. Aber mal schauen, denke ich. Griechenland schuldet Deutschland ja sowieso sehr viel Geld, also kann ich mich auch mal schnorrerhaft – was ja sonst nicht zu meinen Charaktereigenschaften zu zählen ist – verhalten.

Die Stunde der Wahrheit: Tatsächlich kommt ein braungebrannter Kontrolleur oder Fahrkartenverkäufer mit Sonnenbrille durch die Reihen und nimmt mich unter die Lupe. Sofort stelle ich auf Unschuldiger-Reisender-ohne-Geld-Modus um und es zieht. Zunächst versuche ich den Studentenrabatt herauszuschlagen, der in Griechenland durchaus üblich ist. Prinzipiell ist es so, dass jedes Museum und jede Ausgrabungsstätte – derer es ja viele gibt – für europäische Studenten kostenlos ist. Und wie war das nochmal – ach richtig, abgesehen von der Tatsache, dass ich mich bei meinem neuen Studiengang Moderne Süd- und Südostasienwissenschaften noch kein einziges Mal gezeigt habe, besitze ich diesen Zettel. Den vorzuzeigen bring viel. Ich bin bereits drauf und dann den Geldbeutel zu zücken, als…aus heiterem Himmel, ohne, dass ich etwas gesagt hätte, der Kontrolleur mit der Sprache rausrückt: „Du hast kein Geld?“, meint er und blickt mich bemitleidend an. So schnell habe ich selten ein Ja über die Lippen gebracht und mein Portmonee wieder eingesteckt. Freie Fahrt bis Thiva.

Danach geht der Ärger aber los: Vier Kilometer marschieren – bei brütender Hitze. Immerhin hat man das Gefühl, etwas für seinen Körper getan zu haben und neue Kräfte zu entwickeln, die sich aber erstaunlicherweise sogleich bei der Ankunft auf der Straße nach Delfi verflüchtigen. Hinfort sind sie. Nur mit Mühe kann ich den Daumen durch die Luft wedeln und ein albanisches Auto zum Stehen kriegen. Abgeladen werde ich in Arachova – die Entdeckung des Tages. Ein verschlafener Höhenort mit am Hang gebauten und über diesen Abgrund herüber ragenden Häusern. Doch Dunkelheit bricht ein und die Suche nach einem Hotel scheint vollkommen aussichtslos. Außerdem, wer bin ich denn? Ins Hotel? Im Gepäck steckt mein schmales Zelt, das ich irgendwo im hohen Gras aufschlagen werde, um nicht von delfischen Obdachlosen überfallen und von der Polizei Hopps genommen zu werden. Campieren ist nämlich streng verboten. Eine Maßnahme, die den Hotels zu Gute kommen soll. Drohende Strafe: 150 Euro. Die Zeltnacht könnte als deutlich teurer ausfallen als erwartet.

Auf der Suche nach meinem hohen Gras stoße ich abseits der Luxushotels und Ferienwohnungen von Arachova plötzlich auf ein geheimnisvolles Anwesen. Teppichbehangen und in Gewebtes gehüllt. Welcome-Buchstaben und so weiter prangen am Eingang. Vielleicht eine mysteriöse Hippie-Community? Mein Spürsinn für kostenlose Übernachtungen wird aktiviert und ich schleiche mich in das Gebäude, trinke davor die angeblich heilsamen Mineralquellwässer und staune, das niemand das Teppichhaus zu bewohnen schein. Überall nur Teppiche, gewebte Taschen und eine Katze. Taktik 1: So viel wie möglich einstecken, um die griechischen Schulden konfiszierender Weise zu tilgen. Taktik 2: Zögern und sich dann doch lieber hinsetzen; abwarten. Irgendwann erscheint eine klapprige Gestalt, die ich als Leonidas erkenne - sein Foto hängt überall im Raum. 80 Jahre alt und noch rüstig sei er. Seine Familie produziere die Teppiche und die Taschen, meint er. Klar könnte ich mit etwas Überredungskunst hier schlafen, denke ich und vermassele es trotzdem. Irgendwie scheinen meine Instinkte eingerostet zu sein. Am Ende gehe ich aus dem Haus mit einer Tasche für 5 Euro und einer Flasche Mineralwasser, steige ins nächste Auto und rase nach Delfi.


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