Samstag, 27. April 2013

Provokation 12: Skopje 2014 in Frage stellen - und dann doch huldigen


Ein namenloser Reiter auf einem Pferd
Zurück, endlich zurück im Stadtzentrum. Und ich hatte doch so viele Pläne. Wie z. B. Stress machen zwecks der imposanten Statuen, die keinen Sinn machen. Oder einen politischen Aufruhr entfachen, der die mazedonische Südseite der Stadt gegen den albanisch besiedelten Norden aufbringt. Das nördliche Ufer des Vardar wird momentan aber sowieso entalbanisiert. Während man nach einigen Metern schon die muslimischen Märkte vorfindet, auf denen man – so mein Couchsurfer und unzählige andere Bekannte, die ich in Skopje noch treffen sollte – unbedingt auf seine Uhren aufpassen soll, wachsen direkt am Fluss spiegelnde Glasfassaden aus dem Boden. Ein Kulturgut nach dem anderen wird geschaffen: Da ist das wuchtige Nationaltheater, das immer noch nicht vervollständigt ist, das Museum des Mazedonischen Kampfes, das an die Unabhängigkeitserklärung vor über 20 Jahren und den Kampf gegen die blutrünstigen Osmanen erinnert, das Holocaust-Museum und natürlich das Archäologische Museum, welches die wohl interessanteste Errungenschaft von Skopje 2014 ist - Hier alle Bauwerke auf einer Seite.

Archäologisches Museum in Skopje
Auch wenn es nämlich kaum etwas auszustellen gibt, das auf eine Verbindung von Alexander dem Großen mit der slawischen Nation hinweist – die mazedonischen Machthaber haben dennoch Artefakte gefunden, die in dem riesigen Bau gezeigt werden sollen. Angeblich sollen sogar die Gebeine des Feldherrn darunter sein, die man in mumifizierter Form in der Nähe von Memphis gefunden haben soll (Das ist zwar wieder halb gelogen, aber so ganz nun auch wieder nicht. Der Legende nach hat man seinen Leichnam tatsächlich in Ägypten bestattet – angeblich aber in Alexandria: Wo auch sonst). Provokanter Weise muss das Museum natürlich auch noch eine griechische Säulenarchitektur tragen– was ich voll und ganz unterstütze: Wenn, dann richtig. Am anderen Flussufer – der rein-mazedonischen Seite – reihen sich dann die Statuen aneinander. „Ein Krieger auf einem Pferd“ heißt offiziell das größte Monument, das sich auf dem heutigen Mazedonien-Platz, einst als Marschall-Tito-Platz bekannt, befindet und welches erstaunliche Ähnlichkeit mit Alexander dem Großen aufweist. Die Anlage, um ehrlich zu sein, war ihr Geld wert. Ein Meisterwerk der Fontänenkunst, wenn man so will. Reinste Wasser- und Stromverschwendung zwar – aber eine Choreographie ohne Vergleich. Die triumphale Bronzestatue selbst ist insgesamt 22 Meter hoch und wird von einem riesigen Marmorpodest mit Elfenbeinreliefs getragen. Rund um das Monument spielt rund um die Uhr Musik – Oper, wahrscheinlich Mozart, der mittlerweile ebenso von Mazedonien als Nationalheld beansprucht wird. 


Zwar nicht Mozart, aber Star Wars

Diskussion im Irish Pub
Was ich einfach nur toll finde und später auch zwei Studenten im Irish Pub auf der neuen Uferpromenade klarzumachen versuche: Allein der „Krieger auf einem Pferd“ hat rund acht Millionen Euro gekostet. Etwa zehn Millionen wurden für das Museum des Mazedonischen Kampfes geblecht. Das neue Nationaltheater hat ca. 30 Millionen verschlungen. Hinzu kamen die Kosten für zwei neue Brücken und die Renovierung der alten Viadukte sowie die monumentale Vereinnahmung des römischen Kaisers Justinian I. (wohl nur wenige Kilometer außerhalb des heutigen Skopjes geboren) und der ziemlich albanischstämmigen Mutter Teresa. Alles natürlich richtig dekadent in Florenz gefertigt. Gesamtpreis: ca. 1 Milliarde Euro. Bei einer Staatsverschuldung von 32 Prozent und einem Mehr an Einfuhren von 70 Prozent der Ausfuhren (ich habe mich da mal informiert) kein schlechtes Vorhaben. Radikales Nation Building mit Hunger und Arbeitslosigkeit zu verbinden ist einfach die beste Idee, um das Volk im Zaum zu halten. 

Auf der albanischeren Seite des Vardar-Flusses
Entsprechend muss ich mich schon wundern, warum alle in Mazedonien auf die Regierung und ihr sehr interessantes Prestigeprojekt schimpfen – das womöglich der Hauptgrund für die Staatsverschuldung ist!?! Meinen die doch tatsächlich, das Geld sollte besser in die Verbesserung von Infrastruktur und die Schaffung von Arbeitsplätzen investiert werden. Unsinn!!! Ich schüttele den Kopf und verstehe sogleich, was hier schiefläuft. Studenten, Bildung, viel zu viele eigene Gedanken – das muss Mazedonien noch einschränken und nur linientreue Leute zur Universität zulassen. Dann kommen solche Ideen gar nicht erst auf. Äquatorialguinea hat es doch bestens vorgemacht, erkläre ich beim Herunterschlucken des heimischen Skopsko-Bieres: Eine Universität auf einer etwa 300 Kilometer vom Festland entfernten Insel mit politisch korrekter Ausbildung – und alle wirklichen Alltagsprobleme sind vergessen. Oder werden auf die Griechen geschoben. Oder die Albaner. Oder die Kosovaren. Oder die Bulgaren. Oder die Nazis. Oder oder oder. Nun hat Mazedonien freilich keine Inseln – nur weitgehend unbewohnte auf einigen Seen. Nicht einmal Zugang zum Meer. Aber vielleicht sollte man gerade angesichts dessen den Bildungssektor komplett outsourcen – nach Kuba oder Russland oder so. 

Still wird es einmal mehr. Ach, immer diese Stille. Sie scheinen mich und meinen Monolog nicht zu verstehen. Verträumt blicke ich also auf das Archäologiemuseum und würde mir doch so gerne die kreativen Ergüsse des mazedonischen Kulturinstituts oder wer auch immer den Auftrag zur Ausstattung des Hauses bekommen hat, ansehen. Erst 2014 sei diese sündhafte Verschwendung fertig, sagen sie mir. Und ich, ein fettiges Stück Burek hinunterschlingend: Alexander hätte es doch ganz gewiss genauso gemacht und finde es schon fast schade, das Mazedonien nicht Imitate der alexandrinischen Goldmünzen zur Bezahlung seiner Großprojekte verwendet.   

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