Sonntag, 28. April 2013

Provokation 13: Mit schusssicherer Weste unter den Hipstern von PrishtinË



EULEX-Hass
Die schusssichere Weste hatte ich eigentlich gar nicht angezogen, um zu provozieren. Wie jeder, der den hiesigen Medien Glauben schenkt, dachte auch ich, dass das Kosovo ein reinstes Schlachtfeld sei. Nichts davon. Schon die Einfahrt nach PrishtinË (politisch korrekte Schreibweise, da ja nicht mehr unter serbischer Obhut) vermittelte mir ein vollkommen anderes Bild. Ein Gebäude schießt nach dem anderen aus dem Boden. Westliche Cafés an jeder Ecke. Hochhäuser, schicke Restaurants, ein lebendiger Boulevard mit Musik und Straßenhändlern – der Mutter Teresa gewidmet. Keine Straßenhunde wie in Griechenland. Kein Müll. Keine Patronenhülsen auf dem Gehweg (auf die ich insgeheim hoffte). Kurzum, ich war mehr als enttäuscht. Nicht einmal KFOR-Soldaten oder EULEX-Truppen konnte ich begegnen. Beide sind wohlgemerkt verpönt, was sich aber lediglich auf den Graffitis an den Häuserwänden widerspiegelt.



Ziemlich moderne Häuser in Prishtina
Stundenlang observiere ich die Leute, die auf dem Boulevard entlang schlendern. Hipster. ÜBERALL HIPSTER! Fast kein Mensch, der nicht seiner Zeit voraus sind. Und jung sind die. Irgendwas stimmt hier wirklich nicht. Das mit den modernen Gebäuden und den sauberen Straßen hatte ich ja noch verstanden. EU – was sonst? Die wollen die Serben ärgern – apropos ärgere ich mich bei dem Gedanken darüber, dass ich keine serbische Flagge gehisst habe, um die Provokation auf den Gipfel zu treiben. Im Schutz der nicht vorhandenen KFOR/EULEX/UNO/NATO/Was-auch-immer-Truppen wäre mir aber ohnehin nichts passiert. Was aber machen diese Hipster hier? Die Erklärung gibt mir – zumindest ansatzweise – ein kosovarischer Kulturjournalist, der bis in die späten Abendstunden Artikel für die größte Zeitung des Kosovos Koha Ditore schreibt und anschließend mit seinen Freunden saufen geht. 50% der Bevölkerung seien unter 27. 40 % wiederum arbeitslos. Das Geld kommt von Gastarbeitern im Ausland. Junge Leute, die nichts zu tun haben, aber gerne das andernorts erwirtschaftete Geld ausgeben, um Statussymbole    wie Autos und Klamotten zu kaufen – das sei der Grund für die Dichte an Hipstern in PrishtinË. Ich nicke, stimme zu, trinke Schnaps.

---- Das mit der Hipster-Dichte ist übrigens nicht nur mir aufgefallen. Da google ich mich durch Netz und finde Prishtina Street Style und eine Doku zur Mode im Kosovo----


Eine der wenigen Kirchen in Prishtina.

Im Anschluss geht es in einen erschreckend guten Elektroclub in irgendeinem alten Warenhaus am Stadtrand. Erschreckend gut, weil die DJane aus England kommt? Weil die Atmosphäre stimmt? Weil einfach nur junge Leute auf der Tanzfläche umher taumeln und der überwiegende Teil weiblich ist? Ja, das sind gewissermaßen die ausschlaggebenden Gründe für mein Urteil. Ein bisschen hoffe ich, dass ich nur träume und irgendwo wirklich Stress an der nächsten Straßenecke wartet. Doch nein. Alles wirkt fast so wie in Berlin – nur sehr viel kleiner und sehr viel weniger kommerziell. Mein sich in der schusssicheren Weste symbolisierendes Schutzbedürfnis wird belächelt. Meine stereotypengerechte Idee Löcher in eine Postkarte zu brennen und diese nach Deutschland zu senden, wird gar nicht erst verstanden. Nicht von den Hipstern und auch nicht von der kopfschüttelnden Postfrau, die drauf und dran ist, das Schreiben gar nicht erst anzunehmen. 



Neue Bauten auf der Bill-Clinton-Straße
Alle verstehen sich hier irgendwie als gut gebildete Elite, die nach dem Abzug der EU und der KFOR endlich auf ihre Chance wartet, um die Verwaltung des Landes zu übernehmen. Der Euro als Zahlungsmittel vermittelt gleichsam noch mehr Verbundenheit mit dem Westen. Mit Albanien will man um Gottes Willen nicht zusammengehen, da die Union jede wirtschaftliche Entwicklung in PrishtinË zunichte machen würde. Manche wohlgemerkt sind dafür – aber allem Anschein nach nicht die Masse und erst recht nicht die gebildete Schicht. 



"Böswilliges und provokatives Verhalten sollte umgehend unterdrückt werden"

Wer Stress sucht, kann höchstens in den Norden fahren – denn dort sind ja die Stressfaktoren: sprich die Serben. Mitrovica ist bis heute eine geteilte Stadt, in der aller zwei bis drei Monate eine Autobombe im albanischen Teil in die Luft geht. Im Nordteil ist es halbwegs still, auch wenn es unter der Oberfläche brodelt. Würden die KFOR-Truppen von der Serben und Albaner trennenden Brücke verschwinden, so wird vermutet, würde die hitzige Atmosphäre überkochen und das ganze Pulverfass endgültig explodieren. Mitrovica liegt nur eben leider nicht auf meinem Weg und so muss ich mit den Städten PrishtinË und Prizren vorliebnehmen. Das ist allemal eindrucksvoll genug, wenn man bedenkt, dass ich wenige Stunden vor meiner Ankunft noch fest mit bewaffneten Übergriffen gerechnet hatte, die alles andere als eingetreten sind.

Die Brücke in Mitrovica. Streng bewacht und keine Provokationen erlaubt. Warum nur bin ich nicht hingefahren??? 

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