Montag, 22. April 2013

Provokation 8: Ein Methadon-Opfer eines Besseren belehren



Meine Ankunft in Mazedonien war etwas eigenartig: Schon als mein Gastgeber zwei Stunden zu spät zur Phillip-Statue (seines Zeichens Vater von Alexander dem Großen) kam, um mich abzuholen, hätte ich stutzig werden müssen. Ein ziemlich zerzauster Typ steht also vor mir, schaut verwirrt drein und fragt mich im letzten Moment, ob ich irgendein „Arrangement“ mit einem Couchsurfer hätte. Ich sag natürlich ja und er, den ich gerade noch mit einer weiteren zwielichtigen Person in einer Ecke reden sehen hab, meint, dass er noch was zu erledigen hätte. Und zwar müsse er sein Telefon verhökern und bekommt dafür ein schlechteres. Die gesamte Fahrt zu seiner Wohnung stellte ich mir nur die eine Frage: Was nimmt der nur? Ich dachte an Gras, doch so wirklich machte das auch keinen Sinn. Seine Freundin wirkte dagegen vollkommen normal – das einzige Unnormale an ihr: Das sie sich über rein gar nichts an ihrem Freund wunderte.

Mein verwirrter Gastgeber
Und so war es natürlich auch vollkommen normal, dass er am nächsten Tag auf unserem kleinen Stadtrundgang mitten auf der Straße einschlief. Ein Blick aufs Telefon und zack, schon sind die Augen zu. Dann plötzliches Erwachen und verwirrte Sortierorgien: Er leert seine Taschen und sortiert jedwede Gegenstände, die er darin finden kann nach einem mir völlig unergründlichen Muster. Und selbstverständlich muss mich seine Freundin auch noch mit diesem Irren alleine lassen. Resultat: Statt Stadtrundgang, Drogenopfer-Sitting. Ständig rennt er irgendwohin, lässt sich von irgendwas ablenken oder nickt irgendwo ein. Meine undankbare Aufgabe ist es daher, den Typen nach Hause zu schaffen – so zu manipulieren, dass er mich zurückbringt: Schlüssel und Orientierungspunkte fehlen mir schließlich. Auf spätere Telefonanrufe zur Suche nach der Unterkunft würde ich auch nicht bauen.

Haupteinkaufsstraße in Bitola
Irgendwann schafft er es, ein Taxi heranzuwinken und den Straßennamen an den Fahrer zu übermitteln. Also geht es sofort wieder nach Hause – und das unter großen Versprechungen, dass ein regelrechtes Festmahl auf mich warte. Nur deswegen erspar ich mir den Restaurantbesuch. Das Gericht ist in der Tat eine Meisterleistung: Toast mit Mayonnaise. Extrem bekömmlich und gesund. Taktisch klug ziehe ich mich also lieber zurück. Gebe vor arbeiten und/oder schlafen zu müssen, was ich auch bis zum nächsten Morgen durchziehe. Geweckt werde ich natürlich wieder von ihm: Mit Zombieaugen starrt er mich an und wünscht mir einen guten Morgen. Ich tue es ihm gleich und frag wie seine Nacht war. Geschlafen habe er nicht, seine Aussage in eigenartig verzerrten Worten. Dann verschwindet er und kommt rasch wieder. Wie man Wasser aus Methadon herausbekomme, fragt er mich. Natürlich muss ich das wissen – gehört das doch zum Standardrepertoire von Trampern. Meine Online-Recherche dauert ihm zu lange. Wieder zieht er sich zurück und verbreitet einen ohrenbetäubenden Lärm in der Küche. Selbstredend nehme ich an, dass er wieder Toast mit Mayonnaise zubereitet, doch nein: Überraschenderweise kommt er vollkommen fertig und trotzdem mit einem sanften Lächeln im Gesicht ins Wohnzimmer getreten. Blutüberströmt natürlich, was sonst. Irgendwas scheint wohl beim Methadonspritzen nicht ganz so richtig gelaufen zu sein.

Philipp-Statue, Moscheen und Glockenturm
Jetzt kommt die Lebensgeschichte: Seit 13 drogenabhängig – dann wieder clean, dann wieder abhängig, clean, abhängig, abhängig, trifft Mädchen, die ihn versteht und ihm die ersten Tränen seines Lebens entlockt, sie ziehen zusammen und jetzt sind wir hier. Während er so berichtet und berichtet – von emotionalen Giften, die er unterdrücken muss und diese nur durch die Einnahme von Methadon verhindern kann zu versprühen – fangen erneut die Schlafphasen an. Die sind nicht ohne – vor allem, wenn er stets seine brennende Zigarette auf den Teppich wirft. Wenigstens bekommt er es nach meinen mahnenden Worten mit und hebt sie auf, bevor das ganze Haus in Flammen steht. Eines ist sicher – und natürlich reib ich ihm das unter die Nase: Irgendwann wird er dieses gesamte Gebäude abfackeln. Irgendwann klappt es. Der Rest ist Moralisieren meinerseits. Aber welche Reaktion will ich denn heraufbeschwören. Einschlafen und Erwachen sind alles, was zu funktionieren scheint. Leute auf Methadon sind einfach zu ruhig, um sich provozieren zu lassen. Entsprechend langweilt mich das Gespräch. Ich warte bis er wieder einschläft und wecke ihn dieses Mal nicht auf. Soll er ruhig schlummern mit seiner Zigarette in der Hand. Ich schnappe mein Gepäck und gehe direkt auf die Straße. In der Nähe beginnt mehr oder weniger durch Zufall die Autobahn nach Ohrid – insofern Glück gehabt.

Fazit: so wenig habe ich selten in einer Stadt gesehen. Keine osmanischen Gebäude, kein Marktleben, auch den Hausberg Pelister nicht. Nichtsdestotrotz – Bitola scheint ganz nett zu sein: Alle Häuser nur zwei bis drei Stockwerke hoch, eine malerische Fußgängerzone und die Philipp-Statue als wichtiger Teil der nationalen Identität. 

Heraustrampen: Am Fuße des Pelisters

Auf dem Weg nach Ohrid

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