Meine Ankunft in Mazedonien war etwas eigenartig: Schon als
mein Gastgeber zwei Stunden zu spät zur Phillip-Statue (seines Zeichens Vater
von Alexander dem Großen) kam, um mich abzuholen, hätte ich stutzig werden
müssen. Ein ziemlich zerzauster Typ steht also vor mir, schaut verwirrt drein
und fragt mich im letzten Moment, ob ich irgendein „Arrangement“ mit einem
Couchsurfer hätte. Ich sag natürlich ja und er, den ich gerade noch mit einer
weiteren zwielichtigen Person in einer Ecke reden sehen hab, meint, dass er
noch was zu erledigen hätte. Und zwar müsse er sein Telefon verhökern und
bekommt dafür ein schlechteres. Die gesamte Fahrt zu seiner Wohnung stellte ich
mir nur die eine Frage: Was nimmt der nur? Ich dachte an Gras, doch so wirklich
machte das auch keinen Sinn. Seine Freundin wirkte dagegen vollkommen normal –
das einzige Unnormale an ihr: Das sie sich über rein gar nichts an ihrem Freund
wunderte.
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| Mein verwirrter Gastgeber |
Und so war es natürlich auch vollkommen normal, dass er am
nächsten Tag auf unserem kleinen Stadtrundgang mitten auf der Straße
einschlief. Ein Blick aufs Telefon und zack, schon sind die Augen zu. Dann
plötzliches Erwachen und verwirrte Sortierorgien: Er leert seine Taschen und
sortiert jedwede Gegenstände, die er darin finden kann nach einem mir völlig
unergründlichen Muster. Und selbstverständlich muss mich seine Freundin auch
noch mit diesem Irren alleine lassen. Resultat: Statt Stadtrundgang,
Drogenopfer-Sitting. Ständig rennt er irgendwohin, lässt sich von irgendwas
ablenken oder nickt irgendwo ein. Meine undankbare Aufgabe ist es daher, den
Typen nach Hause zu schaffen – so zu manipulieren, dass er mich zurückbringt:
Schlüssel und Orientierungspunkte fehlen mir schließlich. Auf spätere Telefonanrufe
zur Suche nach der Unterkunft würde ich auch nicht bauen.
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| Haupteinkaufsstraße in Bitola |
Irgendwann schafft er es, ein Taxi heranzuwinken und den
Straßennamen an den Fahrer zu übermitteln. Also geht es sofort wieder nach
Hause – und das unter großen Versprechungen, dass ein regelrechtes Festmahl auf
mich warte. Nur deswegen erspar ich mir den Restaurantbesuch. Das Gericht ist
in der Tat eine Meisterleistung: Toast mit Mayonnaise. Extrem bekömmlich und
gesund. Taktisch klug ziehe ich mich also lieber zurück. Gebe vor arbeiten
und/oder schlafen zu müssen, was ich auch bis zum nächsten Morgen durchziehe. Geweckt
werde ich natürlich wieder von ihm: Mit Zombieaugen starrt er mich an und
wünscht mir einen guten Morgen. Ich tue es ihm gleich und frag wie seine Nacht
war. Geschlafen habe er nicht, seine Aussage in eigenartig verzerrten Worten. Dann
verschwindet er und kommt rasch wieder. Wie man Wasser aus Methadon
herausbekomme, fragt er mich. Natürlich muss ich das wissen – gehört das doch
zum Standardrepertoire von Trampern. Meine Online-Recherche dauert ihm zu
lange. Wieder zieht er sich zurück und verbreitet einen ohrenbetäubenden Lärm
in der Küche. Selbstredend nehme ich an, dass er wieder Toast mit Mayonnaise
zubereitet, doch nein: Überraschenderweise kommt er vollkommen fertig und trotzdem
mit einem sanften Lächeln im Gesicht ins Wohnzimmer getreten. Blutüberströmt
natürlich, was sonst. Irgendwas scheint wohl beim Methadonspritzen nicht ganz
so richtig gelaufen zu sein.
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| Philipp-Statue, Moscheen und Glockenturm |
Jetzt kommt die Lebensgeschichte: Seit 13 drogenabhängig – dann
wieder clean, dann wieder abhängig, clean, abhängig, abhängig, trifft Mädchen,
die ihn versteht und ihm die ersten Tränen seines Lebens entlockt, sie ziehen
zusammen und jetzt sind wir hier. Während er so berichtet und berichtet – von
emotionalen Giften, die er unterdrücken muss und diese nur durch die Einnahme
von Methadon verhindern kann zu versprühen – fangen erneut die Schlafphasen an.
Die sind nicht ohne – vor allem, wenn er stets seine brennende Zigarette auf
den Teppich wirft. Wenigstens bekommt er es nach meinen mahnenden Worten mit
und hebt sie auf, bevor das ganze Haus in Flammen steht. Eines ist sicher – und
natürlich reib ich ihm das unter die Nase: Irgendwann wird er dieses gesamte
Gebäude abfackeln. Irgendwann klappt es. Der Rest ist Moralisieren meinerseits.
Aber welche Reaktion will ich denn heraufbeschwören. Einschlafen und Erwachen
sind alles, was zu funktionieren scheint. Leute auf Methadon sind einfach zu
ruhig, um sich provozieren zu lassen. Entsprechend langweilt mich das Gespräch.
Ich warte bis er wieder einschläft und wecke ihn dieses Mal nicht auf. Soll er
ruhig schlummern mit seiner Zigarette in der Hand. Ich schnappe mein Gepäck und
gehe direkt auf die Straße. In der Nähe beginnt mehr oder weniger durch Zufall
die Autobahn nach Ohrid – insofern Glück gehabt.
Fazit: so wenig habe ich selten in einer Stadt gesehen. Keine
osmanischen Gebäude, kein Marktleben, auch den Hausberg Pelister nicht.
Nichtsdestotrotz – Bitola scheint ganz nett zu sein: Alle Häuser nur zwei bis
drei Stockwerke hoch, eine malerische Fußgängerzone und die Philipp-Statue als wichtiger
Teil der nationalen Identität.
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| Heraustrampen: Am Fuße des Pelisters |
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| Auf dem Weg nach Ohrid |





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